Wahl­party in Westend“: Kera­mik­kunst trifft auf Kuli-Wahl­kampf

Datum
29. September 2021
Autor*in
Vivienne Fey
Redaktion
politikorange
Thema
#Politik
Neben den Wahlkampfständen zieht das Kunsthandwerk viel Aufmerksamkeit der Besucher*innen auf sich.

Foto: Piqsels

Nüch­tern kann man die Regie­rung nicht ertragen“ – die Wahl­party in Westend“ bietet eine skur­rile Mischung aus Kunst­markt, Wahl­kampf und Bands in Einkaufs­wägen. Vivi­enne Fey war vor Ort. 

Vorsichtig legt die ältere Dame die Kera­mik­schale wieder zurück. Die Dunkel­blaue an dem Stand weiter vorne habe ihr besser gefallen, erklärt sie ihrem Ehemann. Sie guckt verwirrt, als ihr ein Kugel­schreiber und das Kurz­wahl­pro­gramm von der FDP in die Hand gedrückt werden. Die Worte des Libe­ralen scheint sie dabei gar nicht wahr­zu­nehmen, ihr Blick haftet immer noch fest an dem Geschirr. Dieses Wochen­ende findet nicht nur der jähr­liche Herbst­markt im Berliner Stadt­viertel Westend statt, sondern auch die Bundes­tags­wahl. Der Samstag ist die letzte Möglich­keit für die Parteien, die Stimmen der Unent­schlos­senen noch für sich zu gewinnen. 

Doch bis auf verein­zelte Personen aus den Wahl­kampf­teams, die sich unter die Menge mischen, bekommen die Besu­chenden der Wahl­party“ nicht viel von der soge­nannten Rich­tungs­wahl mit. Ins Auge fallen statt­dessen die Filz­mäntel, Herbst­blumen oder Acryl­ma­le­reien der ausstel­lenden Künstler*innen und Stände. Für die Anzahl der Menschen ist es verhält­nis­mäßig ruhig, der wolken­ver­han­gene Himmel passt gut zur gedämpften Stim­mung. Corona scheint den Leuten noch in den Knochen zu stecken“, berichtet Veran­stalter Stefan Piltz – obwohl auf dem Gelände keine Maske mehr getragen werden muss. Eine kleine Musik­gruppe mit wilden Perü­cken aus dem vergan­genen Jahr­hun­dert versucht die Stim­mung aufzu­lo­ckern, schiebt dafür ihren Schlag­zeuger im Einkaufs­wagen durch die Menge und versucht mit frechen Sprü­chen die Zuschauer*innen zum Lachen zu bringen, doch in schal­lendes Gelächter bricht keiner aus. 

Verdrossen ist das falsche Wort

Unter den Besucher*innen sind es vor allem alte Gesichter, die durch die Gegend schauen, ohne dass sich ihre Blicke gegen­seitig treffen. Manche haben ihre Enkel­kinder mitge­bracht, die zucker­wat­te­schle­ckend auf antiken Stoff­pferden neben Oma und Opa über den Markt reiten. Einen der wenigen jungen Menschen treibt – nach eigenem Bekunden – ledig­lich der Hunger auf Nutella-Crêpes hierher. Etwas weiter hinten sitzen Menschen auf Bier­zelt­bänken, die wie entfernte Bekannte bei einem Glas Weiß­wein Gespräche führen, während sie die Salz­bre­zeln der CDU verspeisen. 

Der Anblick passt ziem­lich gut zu den schönen Häusern an den Stra­ßen­rän­dern. In Westend wohnen wohl­ha­bende Menschen, gele­gent­lich treffe man sogar Jürgen Vogel, sagt ein Besu­cher stolz. Der Wein passt aller­dings auch zu dem Motto, mit dem der Herbst­markt beworben wurde Wahl­party in Westend. Egal was komme, nüch­tern kann man die Regie­rung sowieso nicht ertragen.“ Großen Gesprächs­be­darf und Erzähl­freude zu poli­ti­schen Themen hat unter den Besucher*innen kaum jemand. Fragen sie lieber andere, die haben viel mehr zu sagen“ ist die Stan­dard­aus­sage. Manche lächeln, unhöf­lich ist aber keiner. Trotzdem: Echte Begeis­te­rung für Politik sieht anders aus.

Ein biss­chen Politik keimt dann doch noch auf

Wenn Herr Piltz redet, wirkt er viel jünger als seine leichten Falten und licht werdendes Haar vermuten lassen. Seit zehn Jahren orga­ni­siert er mit dem Nach­bar­schafts­verein family&friends e.V. den Herbst­markt, das dies­jäh­rige Motto fand er am Ende einfach witzig. In den letzten Jahren lief in der Politik nicht alles gut, der Wahl­kampf sogar kata­stro­phal, aber tiefe Unzu­frie­den­heit herrscht nicht. Am Ende geht fast jeder wählen.“ Tatsäch­lich lag die Wahl­be­tei­li­gung in diesem Wahl­kreis bei der letzten Bundes­tags­wahl mit 79.5 Prozent sogar über dem Bundes­durch­schnitt. Insge­heim scheinen die Menschen in Westend also doch poli­tisch inter­es­siert zu sein. 

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Foto: Jugendpresse Deutschland / Saad Yaghi

Am Ende der Straße stehen dann auf weniger als 100 Metern dicht an dicht die Wahl­kampf­stände aller großen Parteien. Ein kleiner Junge freut sich über den CDU-Luft­ballon, die FDP verteilt knall­gelbe Tüten mit Werbe­ge­schenken, bei der SPD gibt es Rosen. Es scheint, als sei ein Schalter umge­legt – mitt­ler­weile haben sich die Wolken am Himmel verzogen. Mit voller Moti­va­tion, fast schon kämp­fe­risch, möchte der 16-jährige Arthur die Präsenz der FDP zeigen, Unent­schlos­sene über­zeugen. Sogar den amtie­renden Ober­bür­ger­meister und SPD-Direkt­kan­di­daten des Wahl­kreises, Michael Müller, hat es am Sams­tag­nach­mittag auf den Markt verschlagen. Der teilt Piltz‘ Einschät­zung: Ich habe das Gefühl, die Leute haben hier viel Spaß. Und auch wenn noch nicht alle ihre Wahl­ent­schei­dung getroffen haben, ist immerhin großes Inter­esse vorhanden.“ Auch die anderen Parteien berichten positiv über die Gespräche mit den Besucher*innen, alle schätzen ihre Chance auf das Direkt­mandat gut ein. Einen Tag später wird es dann aber tatsäch­lich Müller sein, der nach zwei Legis­la­tur­pe­ri­oden den CDU-Kandi­daten schlägt. 


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