Schönes neues Land?

Datum
22. September 2021
Autor*in
Vivienne Fey
Redaktion
politikorange
Thema
#Politik
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Foto: Jugendpresse Deutschland / Vivienne Fey

Sozialer Zusam­men­halt, Nähe und Verbun­den­heit zur Natur – obwohl das Leben im länd­li­chen Raum so schön ist, ziehen immer mehr junge Menschen weg. Doch Beach­tung findet dieses Problem auf Bundes­ebene kaum. poli­ti­ko­range-Redak­teurin Vivi­enne Fey berichtet aus ihrem nord­hes­si­schen Heimat­dorf und hat konkrete Forde­rungen an die Bundes­re­pu­blik. 

Aufge­wacht vom melo­di­schen Vogel­ge­zwit­scher beginnt der Sonn­tag­morgen in meinem 600-Einwohner-Heimat­dorf im Werra-Meißner-Kreis in Nord­hessen. Auf der Terrasse am Wald­rand früh­stü­cken, später noch eine Tasse Kaffee mit der Nach­barin trinken. Dann muss ich auch schon wieder die Koffer packen, um pünkt­lich zum Semes­ter­start in der Studi­en­stadt zu sein. Was ein schönes, erhol­sames Wochen­ende. 

So viele Probleme der Groß­städte, über die in Berlin disku­tiert wird, spielen hier kaum eine Rolle. Stei­gende Mieten oder Wohnungs­knapp­heit? Nicht hier, wo die Häuser von verstor­benen Menschen reihen­weise leer stehen. Fleisch aus Massen­tier­hal­tung klingt wie ein Fremd­wort, kennt man doch den Bauernhof im Nach­bar­dorf. Regional Lebens­mittel zu kaufen und Essens­reste an Nach­barn zu verschenken, war schon Alltag, bevor Foodsha­ring oder Bio-Obst- und Gemü­se­kisten in hippen Groß­städten zum Trend wurden. Ganz zu schweigen von der effek­tiven Erho­lung durch die Nähe zur Natur, weniger Stress durch gerin­gere Lärm­be­las­tung und ein gut funk­tio­nie­rendes soziales Netz­werk zur Unter­stüt­zung von Alten oder Kranken. Der Werra-Meißner Kreis kann echt schön sein. 

Trotzdem hält uns junge Menschen wenig hier, die Einwoh­ner­zahl sinkt immer weiter und mitt­ler­weile sind wir sogar der Kreis mit dem höchsten Alters­durch­schnitt in ganz Hessen. Für mich ist das auch kein Wunder: Die nächste Univer­sität ist schließ­lich eine knappe Stunde entfernt, durch die Pandemie hat sogar der letzte Club geschlossen, Busse fahren höchs­tens im 2‑Stunden Takt in die nächste Klein­stadt und selbst dort beschränkt sich das Frei­zeit- und Kultur­angebot auf das Nötigste. 

Was wollen die Parteien dagegen tun?

Doch bei einem Blick in die Wahl­pro­gramme zur Bundes­tags­wahl stelle ich fest: Eine echte Rolle spielt diese verhee­rende Situa­tion für die meisten Parteien leider nicht. Allein die Tatsache, dass die Programme nicht zwischen abge­le­genem, struk­tur­schwa­chem Klein­dorf und finan­ziell schlecht gestellter Kommune diffe­ren­zieren, zeigt, wie wenig die Politik die Proble­matik verstanden hat. Bei CDU und Grünen findet sich etwas über den lebens­werten länd­li­chen Raum immerhin schon direkt im Inhalts­ver­zeichnis. Die CDU betont dabei explizit die zu erhal­tende Lebens­qua­lität und verfolgt mit ihrem im Wahl­pro­gramm beschrie­benen Förder­pro­gramm zur Dorf­kern­sa­nie­rung, dortiger Ansied­lung von Startups und Errich­tung von Cowor­king Spaces in Klein­städten und Dörfern einen guten Ansatz. 

Wo sich leerstehende Häuser aneinanderreihen, klingt die Forderung nach einem Mietendeckel fast skurril

Wo sich leerstehende Häuser aneinanderreihen, klingt die Forderung nach einem Mietendeckel fast skurril

Foto: Jugendpresse Deutschland / Vivienne Fey

Auch die Grünen legen viel Wert auf belebte Dorf­kerne. Zusätz­lich sehen sie Abhilfe in selbst zu verwal­tenden Regio­nal­bud­gets, die im Rahmen einer sogar im Grund­ge­setz veran­kerten Regio­nalen Daseins­vor­sorge“ Kommunen unter­stützen sollen. Außerdem betonen die Grünen die Notwen­dig­keit von flächen­de­ckendem Internet und klaren Mindest­stan­dards hinsicht­lich Mobi­lität und Gesund­heits­ver­sor­gung, die deutsch­land­weit erfüllt werden sollten. 

Sehr wenig Beach­tung findet das Thema aller­dings bei der SPD. Und viel­mehr als die indi­rekte finan­zi­elle Unter­stüt­zung der Kommunen durch ein bundes­weit vorge­se­henes Entschul­dungs­pro­gramm und Digi­ta­li­sie­rungs­pläne kann ich auch dem Wahl­pro­gramm der FDP nicht entnehmen. Die Linke konzen­triert sich eben­falls vor allem auf die Finan­zie­rung und fordert eine Rekom­mu­na­li­sie­rung von Wohnungen, Kran­ken­häu­sern, Wasser- und Ener­gie­ver­sor­gung. Am meisten enttäuscht mich aller­dings die AfD, die das länd­liche Leben durch die Beto­nung und Stär­kung regio­naler Iden­tität und Kultur stärken möchte und dabei einen Schritt in die völlig falsche Rich­tung geht. Welt­of­fen­heit und Inter­na­tio­na­lität hat noch keiner Gesell­schaft geschadet meinem abge­le­genen Dorf erst recht nicht. 

Die Bundes­po­litik muss den länd­li­chen Raum mehr unter­stützen

Die Lokal­po­litik ist bemüht, doch das allein kann nicht ausrei­chen, um den beson­deren Heraus­for­de­rungen gerecht zu werden und das Poten­tial voll­ständig und gezielt auszu­schöpfen. 

Der länd­liche Raum muss auf der Bundes­ebene stärker berück­sich­tigt und konkret unter­stützt werden. Dazu wäre es zunächst erstmal notwendig, den länd­li­chen Raum zu defi­nieren und zu typi­sieren. Politik für länd­liche Räume“ sollte als Quer­schnitts­thema stärker beachtet werden, gleich­zeitig aber auch als eigen­stän­diger Aspekt behan­delt werden. Die in den Wahl­pro­grammen genannten Punkte sind gute Ansätze, doch mir fehlen immer noch wirk­lich krea­tive und inno­va­tive Ideen, zusam­men­hän­gende Konzepte und der Mut zur zukunfts­fä­higen Gestal­tung des länd­li­chen Raumes.


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