Stadt und Land im Vergleich: Die poli­ti­sche Parti­zi­pa­tion von Jugend­li­chen

Datum
06. November 2023
Autor*in
Alina Heckmann
Redaktion
politikorange
Thema
#Politik
Alina Titelbild

Ob in pulsie­renden Metro­polen oder abge­le­genen Dörfern unseres Landes – Politik ist überall zu finden. Doch welche Betei­li­gungs­mög­lich­keiten bestehen vor allem für Jugend­liche? Und sind sie in Stadt und Land gleich?

Poli­ti­sche Parti­zi­pa­tion umfasst die Teil­nahme an poli­ti­schen Diskus­sionen, die Mitglied­schaft in Jugend­or­ga­ni­sa­tionen von Parteien, das Enga­ge­ment in Bürger­initia­tiven und Protesten, sowie die Nutzung von Sozialen Medien, um poli­ti­sche Meinungen auszu­drü­cken und Verän­de­rungen voran­zu­treiben.

Um heraus­zu­finden, wie sich die Betei­li­gung von Jugend­li­chen in der Stadt und auf dem Land unter­scheidet, wurden 9 Passant*innen im Alter von 16 – 25 Jahren in Berlin, Rhein­land-Pfalz und dem Saar­land befragt.

Enga­ge­ment auf dem Land schwierig

Eine große Gemein­sam­keit der befragten Jugend­li­chen auf dem Land war, dass diese sich aufgrund der zu geringen Band­breite an Jugend­or­ga­ni­sa­tionen von Parteien, wenig betei­ligen. Stella aus dem Saar­land sagt: Ich finde es sehr schwierig, über­haupt in unserer Region außer­halb der etablierten Parteien wie CDU und SPD poli­tisch aktiv zu werden, da das Angebot an anderen poli­ti­schen Grup­pie­rungen hier begrenzt ist.“ Dieje­nigen Jugend­li­chen, die sich enga­gieren, berich­teten, es sei oft schwer, regel­mäßig zu Partei­treffen und Sitzungen zu erscheinen. Dies liege auch an der fehlenden Infra­struktur in länd­li­chen Regionen. Es sei schwierig von A nach B zu gelangen.

Das bestä­tigt auch die jüngste Bundes­tags­ab­ge­ord­nete Emily Vontz, die selbst aus einer länd­li­chen Gegend im Saar­land stammt. Sie hätte als Bewoh­nerin eines kleinen Dorfes auch nicht immer die Chance gehabt, sich zu betei­ligen: Es ist total schwierig in höheren Ämtern von Jugend­or­ga­ni­sa­tionen mitwirken zu können, wenn man es aus zeit­li­chen Gründen nicht immer zu den Partei­treffen in die Städte schafft“, erin­nert sie sich. Ich habe dann erstmal versucht, mich in meinem nahen Umfeld zu enga­gieren und habe zum Beispiel bei der Bürger­meis­ter­wahl ausge­holfen.“ Die Situa­tion in der Stadt schätzt sie ähnlich wie die Befragten ein. In der Stadt sei die Band­breite an Parteien viel größer. Bei mir in der Heimat sind da eher nur zwei Parteien wirk­lich greifbar und aktiv“, so Emily Vontz.

Akti­vismus in der Stadt hoch

Auch bei den Befragten in der Stadt spielte die Infra­struktur eine Rolle: Die gute Anbin­dung ermög­liche es Jugend­li­chen, selbst­ständig poli­ti­sche Veran­stal­tungen zu errei­chen. Dieje­nigen, die in der Stadt befragt wurden, sind über­wie­gend akti­vis­tisch aktiv, zum Beispiel bei Fridays for Future, oder enga­gieren sich in Jugend­or­ga­ni­sa­tionen von Parteien. Einige der Befragten erzählten davon, regel­mäßig Demons­tra­tionen zu besu­chen. Ich denke, beson­ders in der Stadt hat man viel Zugang zu Politik und auch Jugend­par­teien. Da findest du an jeder Ecke eine andere Orga­ni­sa­tion“, sagte ein gebür­tiger Hamburger in Berlin.

Eine Aussage war von mehreren der Befragten in der Stadt zu hören: In den Jugend­or­ga­ni­sa­tionen von Parteien hätten sie vermehrt extreme“ Haltungen wahr­ge­nommen. Deshalb seien sie auch bei keiner Partei. Auffällig ist, dass die befragten Bewohner*innen länd­li­cher Gegenden diese Beob­ach­tung nicht gemacht haben.

Unter­schied­li­cher poli­ti­scher Diskurs

Auf dem Land wurde die Dorf- und Kommu­nal­po­litik sehr hervor­ge­hoben. Diese fände meist unmit­telbar an den Menschen“ statt. Anna aus Rhein­land-Pfalz empfindet das Land­leben auch für den poli­ti­schen Diskurs als positiv. Es herrscht weniger Anony­mität als in der Stadt, wodurch sich mehr unter­schied­li­chen Menschen zum Beispiel auf der Straße über Politik unter­halten. Das kann zu einer stär­keren Meinungs­bil­dung führen.“, sagte sie.

Eher negativ wird in der Umfrage die oft fehlende Tiefe von poli­ti­scher Parti­zi­pa­tion von städ­ti­schen Bewoh­nern beleuchtet. Eine 21-jährige Berli­nerin erklärte: Die Menschen aus der Stadt verfügen meist über so eine Art Round­about­wissen. Das wird dann oft nicht vertieft.“ Aufgrund der Anony­mität in den Städten falle zudem eine Meinungs­bil­dung, die auf anderen Meinungen basiere, schwer.

Einge­schränkte Vergleich­bar­keit

Natür­lich fällt die Kommunal- und Dorf­po­litik im direkten Vergleich deut­lich kleiner aus. Der Vorteil dieser kleinen Politik ist, dass jeder in irgend­einer Weise einen Zugang dazu hat. Oft kennt man jemanden, der entweder im Dorf- oder Stadtrat ist, was einem natür­lich das Gefühl von mehr Möglich­keiten der Betei­li­gung gibt“, sagte Paula aus dem Saar­land. Über die kommu­nale Ebene hinaus habe man jedoch keine Chance.

Allge­mein würden laut den befragten Jugend­li­chen in länd­li­chen Regionen jedoch viele Bürger*innen aufgrund von Unzu­frie­den­heit gar nicht parti­zi­pieren. Man hat das Gefühl, die Bundes­po­litik vergisst die länd­li­chen Regionen und führt eine Politik für die Stadt. Das 9‑Euro-Ticket war das beste Beispiel dazu: Es sollte zur Entlas­tung für uns dienen und im Endef­fekt hatte ich gar nichts davon, da hier nur vier Busse pro Tag fahren“, sagte eine Passantin aus dem Land­kreis St. Wendel im Saar­land. Andere Jugend­liche sehen das ähnlich. Auch berück­sich­tige die Politik die junge Gene­ra­tion in Entschei­dungen nicht ausrei­chend.

Wie geht es besser?

Emily Vontz hat einen Vorschlag zur Verbes­se­rung: Ich denke, dass Jugend­par­teien auch in Dörfern und Klein­städten poli­ti­sche Parti­zi­pa­tion attrak­tiver machen können, indem sie Veran­stal­tungen planen, die auch für Jugend­liche inter­es­sant sind.“ Auch die Befragten aus Berlin und den länd­liche Regionen in Rhein­land-Pfalz und dem Saar­land haben Verbes­se­rungs­vor­schläge: Die Schulen sollten mehr Aufklä­rungs­ar­beit betreiben, um eine frühe Meinungs­bil­dung zu fördern. Dadurch könne die poli­ti­sche Betei­li­gung zunehmen. In diesem Punkt waren sich ein 19-jähriger Berliner und eine 20-jährige Saar­län­derin einig. Eben­falls ist von mehr Jugend­po­litik die Rede. Ich denke, das Augen­merk der Bundes­po­litik sollte auch wieder mehr auf uns, der Jugend, liegen. Immerhin sind wir die Zukunft“, so eine Jugend­liche aus Stutt­gart in Berlin. Die Hoff­nungs­lo­sig­keit und Verzweif­lung vieler Jugend­li­cher könne so verrin­gert werden. Dadurch wachse auch die Begeis­te­rung für Enga­ge­ment im poli­ti­schen Bereich.

Die geogra­fi­sche Herkunft von Jugend­li­chen beein­flusst zwei­fellos ihre poli­ti­sche Parti­zi­pa­tion. Ob in Stadt oder in länd­li­chen Gebieten, junge Menschen tragen unter­schied­liche Perspek­tiven und Heraus­for­de­rungen in die poli­ti­sche Arena. Es liegt an der aktu­ellen Politik, diese Viel­falt wert­zu­schätzen und poli­ti­sche Parti­zi­pa­tion für alle unab­hängig von deren Herkunft sicher­zu­stellen.

Dieser Beitrag ist im Rahmen des Jugendmedienworkshops 2023 entstanden. Das Projekt wird von der Jugendpresse Deutschland, dem Deutschen Bundestag und der Bundeszentrale für politische Bildung organisiert.


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