Landtagswahl in Sachsen-Anhalt

Sachsen-Anhalt – ein gespal­tenes Bundes­land?

Datum
10. September 2026
Autor*in
Alina Kahner
Redaktion
politikorange
Themen
#Politik #LTWSA26
Alina Beitragsbild

Pixabay / Wal_172619

In der Landes­haupt­stadt Magde­burg sind die Reak­tionen auf die Wahl­er­geb­nisse unter­schied­lich. Während das Ergebnis bei einem Teil der Bürger*innen Hoff­nung auf Verän­de­rung weckt, löst es auch Angst aus. Wie gestaltet sich nun das gesell­schaft­liche Zusam­men­leben der Sachsen-Anhalter*innen? Ein Kommentar von Alina Kahner. 

In der Nacht der Land­tags­wahl kreuzte mich ein schwarzer PKW an der Elbufer­pro­me­nade Magde­burgs. Aus dem Fenster hing ein junger Mann, strah­lend, in seinen Händen eine wehende Deutsch­land­fahne. Auf der anderen Stra­ßen­seite stand eine junge Frau mit leerem Gesichts­aus­druck in einem Pull­over mit der Aufschrift Nie wieder ist Jetzt!”. Alle von uns trafen sich mit unter­schied­li­chen Gefühlen an derselben Kreu­zung. Für einen kurzen Moment waren wir kreu­zende Passa­giere in der glei­chen Stadt, bevor einige mit Vorfreude, andere mit Angst weiter zogen. Ich stellte mir die Frage: Wie begegnet man sich gegen­seitig nach den Wahl­er­geb­nissen in diesem Bundes­land?

Geschäfts­führer Philipp Schmidt des Magde­burger Netz­werk Freie Kultur (NFK) hat mit mir unmit­telbar vor der Wahl über Demo­kratie und Kultur gespro­chen. Er stellt klar, dass demo­kra­ti­sche Struk­turen die Gesell­schaft vor Heraus­for­de­rungen stellt und nicht so, wie häufig darge­stellt, einfach sei. Demo­kratie hieße vor allem Aushan­deln, Über­zeugen und Mehr­heits­po­si­tionen zu bilden. Das könne anstren­gend sein, so Schmidt. Die gebil­deten Mehr­heits­po­si­tionen sollen Perspek­tiven von Minder­heiten aufnehmen und diese inte­grieren. Durch die Vertei­di­gung der Demo­kratie wird die Unter­drü­ckung von Minder­heiten, wie es zu Zeiten des Natio­nal­so­zia­lismus geschehen ist, verhin­dert. Kultur versteht er meta­pho­risch als Lager­feuer, welches uns alle zusam­men­bringt und [wo] wir uns versam­meln, wo die Geschichte erzählt wird. [I]n der Freien Kultur­szene gibt es sehr viele von solchen Lager­feuern, die uns […] zusam­men­bringen“, erklärt er. Kultur mache demnach Ange­bote, um seine Mitmen­schen in der mensch­lichsten Eigen­schaft zu sehen: Der Begeg­nung, dem Austausch mitein­ander. Ein echter Dialog zeichne sich durch das Erkennen unter­schied­li­cher Sicht­weisen aus und dies sei Anknüp­fungs­punkt an die Demo­kratie. In einer Demo­kratie werden nach Schmidt andere Posi­tionen nicht bekämpft, sondern ihnen werde zuge­hört. Kultur sei sowohl Senderin als auch Empfän­gerin der Demo­kratie, da plura­lis­ti­sche Gesell­schaften Stoff für Kultur­ange­bote bieten. Aus diesem Grund machen sich Akteur*innen der Kultur­szene gegen unde­mo­kra­ti­sche Ansätze stark, die exklusiv seien. Schmidt betont, dass Kultur nicht gegen Ange­bote mit Heimat­bezug sei, sondern dass die Kultur­szene sich gegen Selek­tion ausspricht. Wichtig sei es, verschie­dene Lager­feuer anzu­bieten, um mehr Menschen zum Dialog einzu­laden. Ange­sichts vergan­gener und mögli­cher­weise bevor­ste­hender Krisen formu­liert er: Krisen machen Angst und […] erzeugen Bedarf nach Austausch von Meinungen. Die freie Kultur­szene schafft dieses Lager­feuer, indem man [Krisen] gemeinsam erlebt und die Komple­xität der Krise durch viele Perspek­tiven beant­wortet werden kann. […]Viel­leicht habe ich jetzt, wo es mir besser geht, auch gar nicht Lust, irgend­eine radi­kale, einfache Antwort zu erlauben oder die zu wählen, die das anbieten.“ Kultur schaffe Räume, in denen Menschen sich begegnen können. Um dies zu ermög­li­chen, müsse Kultur durch die Demo­kratie geschützt werden und umge­kehrt stärke auch die Kultur­szene die Menschen in ihrer Demo­kra­tie­fes­tig­keit.

Der Blick auf länd­liche Regionen Sachsen-Anhalts zeigt, dass es dort weniger Kultur­ange­bote gibt und so der Austausch anders statt­findet. Wie Dialog auf Augen­höhe im länd­li­chen Raum der Elb-Havel geht, zeigt die Initia­tive Wir für Hier”. Das Ziel besteht darin, Menschen über Partei­pro­gramme zu infor­mieren, damit sie reflek­tiert eine Wahl­ent­schei­dung treffen. Partei­un­ab­hängig bieten sie Menschen aus ihrer Region eine Platt­form, um über Heraus­for­de­rungen in ihrem persön­li­chen Alltag zu spre­chen. Darüber hinaus infor­mierten sie während der Wahl über regio­nale Ange­bote amtie­render Parteien, damit die Bürger*innen unmit­telbar Ansprech­per­sonen hatten. Judith Liban, eine der Organisator*innen, sprach mit mir über die konkreten Anliegen der Initia­tive. Sie weist darauf hin, dass sie keinen Aufklä­rungs­cha­rakter haben, sondern Menschen einen Raum bieten, in dem sich auf Augen­höhe begegnet werden kann. Jeder Mensch habe seine lokal verwur­zelte Exper­tise, wodurch die Bürger*innen wissen, was sie konkret von der Politik benö­tigen. Wir für Hier” möchte die Mitmen­schen daran erin­nern, was ihnen selbst am Herzen liegt und gleich­zeitig, was auf dem Spiel stehen könnte.

Ein Rück­blick auf die einge­hende Meta­pher: Die Kreu­zung als Ort der Rich­tungs­än­de­rung, an dem verschie­dene Teilnehmer*innen sich für einen Weg entscheiden, ist gleich­zeitig ein Begeg­nungs­raum. Doch Austausch findet nicht durch Vorbei­rau­schen, Licht­hupe und Über­holen statt, sondern im Anhalten und in der Rück­sicht aufein­ander. Viel­leicht ist diese Zeit ein Moment zum Inne­halten und zum Nach­fragen, zum Zuhören. Unab­hängig auf welcher Seite der Kreu­zung wir stehen und mit welchen Gefühlen wir konfron­tiert sind. Wir werden uns immer wieder auf unseren Wegen im gesamten Bundes­land begegnen. Die nächste Kreu­zung wartet in fünf Jahren auf uns und bis dahin möchte ich einladen, auch in den Zwischen­kreu­zungen anzu­halten und zuzu­hören, auch in schwie­rigen Dialogen.


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