In der Landeshauptstadt Magdeburg sind die Reaktionen auf die Wahlergebnisse unterschiedlich. Während das Ergebnis bei einem Teil der Bürger*innen Hoffnung auf Veränderung weckt, löst es auch Angst aus. Wie gestaltet sich nun das gesellschaftliche Zusammenleben der Sachsen-Anhalter*innen? Ein Kommentar von Alina Kahner.
In der Nacht der Landtagswahl kreuzte mich ein schwarzer PKW an der Elbuferpromenade Magdeburgs. Aus dem Fenster hing ein junger Mann, strahlend, in seinen Händen eine wehende Deutschlandfahne. Auf der anderen Straßenseite stand eine junge Frau mit leerem Gesichtsausdruck in einem Pullover mit der Aufschrift “Nie wieder ist Jetzt!”. Alle von uns trafen sich mit unterschiedlichen Gefühlen an derselben Kreuzung. Für einen kurzen Moment waren wir kreuzende Passagiere in der gleichen Stadt, bevor einige mit Vorfreude, andere mit Angst weiter zogen. Ich stellte mir die Frage: Wie begegnet man sich gegenseitig nach den Wahlergebnissen in diesem Bundesland?
Geschäftsführer Philipp Schmidt des Magdeburger Netzwerk Freie Kultur (NFK) hat mit mir unmittelbar vor der Wahl über Demokratie und Kultur gesprochen. Er stellt klar, dass demokratische Strukturen die Gesellschaft vor Herausforderungen stellt und nicht so, wie häufig dargestellt, einfach sei. Demokratie hieße vor allem Aushandeln, Überzeugen und Mehrheitspositionen zu bilden. Das könne anstrengend sein, so Schmidt. Die gebildeten Mehrheitspositionen sollen Perspektiven von Minderheiten aufnehmen und diese integrieren. Durch die Verteidigung der Demokratie wird die Unterdrückung von Minderheiten, wie es zu Zeiten des Nationalsozialismus geschehen ist, verhindert. Kultur versteht er metaphorisch als Lagerfeuer, welches „uns alle zusammenbringt und [wo] wir uns versammeln, wo die Geschichte erzählt wird. [I]n der Freien Kulturszene gibt es sehr viele von solchen Lagerfeuern, die uns […] zusammenbringen“, erklärt er. Kultur mache demnach Angebote, um seine Mitmenschen in der menschlichsten Eigenschaft zu sehen: Der Begegnung, dem Austausch miteinander. Ein echter Dialog zeichne sich durch das Erkennen unterschiedlicher Sichtweisen aus und dies sei Anknüpfungspunkt an die Demokratie. In einer Demokratie werden nach Schmidt andere Positionen nicht bekämpft, sondern ihnen werde zugehört. Kultur sei sowohl Senderin als auch Empfängerin der Demokratie, da pluralistische Gesellschaften Stoff für Kulturangebote bieten. Aus diesem Grund machen sich Akteur*innen der Kulturszene gegen undemokratische Ansätze stark, die exklusiv seien. Schmidt betont, dass Kultur nicht gegen Angebote mit Heimatbezug sei, sondern dass die Kulturszene sich gegen Selektion ausspricht. Wichtig sei es, verschiedene Lagerfeuer anzubieten, um mehr Menschen zum Dialog einzuladen. Angesichts vergangener und möglicherweise bevorstehender Krisen formuliert er: „Krisen machen Angst und […] erzeugen Bedarf nach Austausch von Meinungen. Die freie Kulturszene schafft dieses Lagerfeuer, indem man [Krisen] gemeinsam erlebt und die Komplexität der Krise durch viele Perspektiven beantwortet werden kann. […]Vielleicht habe ich jetzt, wo es mir besser geht, auch gar nicht Lust, irgendeine radikale, einfache Antwort zu erlauben oder die zu wählen, die das anbieten.“ Kultur schaffe Räume, in denen Menschen sich begegnen können. Um dies zu ermöglichen, müsse Kultur durch die Demokratie geschützt werden und umgekehrt stärke auch die Kulturszene die Menschen in ihrer Demokratiefestigkeit.
Der Blick auf ländliche Regionen Sachsen-Anhalts zeigt, dass es dort weniger Kulturangebote gibt und so der Austausch anders stattfindet. Wie Dialog auf Augenhöhe im ländlichen Raum der Elb-Havel geht, zeigt die Initiative “Wir für Hier”. Das Ziel besteht darin, Menschen über Parteiprogramme zu informieren, damit sie reflektiert eine Wahlentscheidung treffen. Parteiunabhängig bieten sie Menschen aus ihrer Region eine Plattform, um über Herausforderungen in ihrem persönlichen Alltag zu sprechen. Darüber hinaus informierten sie während der Wahl über regionale Angebote amtierender Parteien, damit die Bürger*innen unmittelbar Ansprechpersonen hatten. Judith Liban, eine der Organisator*innen, sprach mit mir über die konkreten Anliegen der Initiative. Sie weist darauf hin, dass sie keinen Aufklärungscharakter haben, sondern Menschen einen Raum bieten, in dem sich auf Augenhöhe begegnet werden kann. Jeder Mensch habe seine lokal verwurzelte Expertise, wodurch die Bürger*innen wissen, was sie konkret von der Politik benötigen. “Wir für Hier” möchte die Mitmenschen daran erinnern, was ihnen selbst am Herzen liegt und gleichzeitig, was auf dem Spiel stehen könnte.
Ein Rückblick auf die eingehende Metapher: Die Kreuzung als Ort der Richtungsänderung, an dem verschiedene Teilnehmer*innen sich für einen Weg entscheiden, ist gleichzeitig ein Begegnungsraum. Doch Austausch findet nicht durch Vorbeirauschen, Lichthupe und Überholen statt, sondern im Anhalten und in der Rücksicht aufeinander. Vielleicht ist diese Zeit ein Moment zum Innehalten und zum Nachfragen, zum Zuhören. Unabhängig auf welcher Seite der Kreuzung wir stehen und mit welchen Gefühlen wir konfrontiert sind. Wir werden uns immer wieder auf unseren Wegen im gesamten Bundesland begegnen. Die nächste Kreuzung wartet in fünf Jahren auf uns und bis dahin möchte ich einladen, auch in den Zwischenkreuzungen anzuhalten und zuzuhören, auch in schwierigen Dialogen.
Empfohlene Beiträge
Sachsen-Anhalt: Zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit
Maximilian Enrico Loebert , Rosalie Raasch
