Sachsen-Anhalt hat Deutschlands ältestes Altersdurchschnitt, aber zahlreiche Hochschulen und Universitäten machen es auch attraktiv für jüngere Menschen.
Am 6. September 2026 entscheiden die Wähler*innen über die politische Zukunft von Sachsen-Anhalt. Auffällig dabei ist das politische Wahlverhalten: Rund 44 Prozent der unter 30-Jährigen und mehr als die Hälfte der 45- bis 59-Jährigen wollen die AfD wählen.
Wie kommt es, dass so unterschiedliche Generationen in derselben Partei eine politische Lösung sehen?
„Der letzte Wahlkampfstand vor der alles entscheidenden Wahl“, so kündigt die AfD ihren letzten Infostand in Magdeburg an. Es ist 9 Uhr morgens. Wir stehen in der Magdeburger Altstadt. Noch ist wenig los. Aus der Ferne beobachten wir, wie der Infostand aufgebaut wird. Die ersten Tische und Plakataufsteller werden platziert. Broschüren sowie kleine Werbegeschenke werden ausgelegt. Gegen 9.30 Uhr wird der Stand offiziell eröffnet und die ersten Passant*innen bleiben davor stehen, schauen sich die Materialien an oder kommen mit den Wahlhelfer*innen ins Gespräch. Auch die Spitzenkandidaten Kirchner, Kohl, Mertens und Kumpf sind vor Ort und begrüßen die Besucher*innen. Nach und nach füllt sich der Platz rund um den Stand.
„Es muss sich was ändern!“
Eine 82-jährige Rentnerin kommt uns entgegen. In der Hand hält sie mehrere Faltblätter und Flyer vom AfD-Stand in der Hand. Ihren Namen nennt sie uns nicht. Auf die Frage, wie sie denn die AfD findet, antwortet sie kurz und entschlossen: „Gut, sehr gut!“.
Auf Nachfrage wird sie konkreter: „Die Verwaltungsarbeit wird immer größer, mehr Leute werden eingestellt, es sind ja alle Beamte geworden“. Besonders stört sie die soziale Ungleichheit zwischen Beamten und Arbeitnehmer*innen: „Die sitzen auf ihren Plätzen gut und sicher, aber das kleine Volk muss rennen“. Die AfD biete ihrer Ansicht nach Lösungen für das Problem – „Aufräumen“ würde sie und damit die Verwaltung abbauen.
Von der SPD sei sie „dolle enttäuscht“. Früher habe sie keine andere Partei gewählt. „Jetzt ist damit Schluss!“, sagt sie. Auch die Sicherheit beschäftige sie. Es gäbe dadurch auch immer weniger Möglichkeiten, sich zu treffen. „Ab 22 Uhr ist da Ritze“, sagt sie und blättert im Weitergehen nochmal durch die Broschüren der AfD.
„Wir brauchen einen Politikwechsel“
Sonntag, 14 Uhr, vor dem Magdeburger Dom: Ein 62-jähriger Mann steht mit einer Zigarette in der Hand auf dem Platz, auf dem am Vortag noch das Demokratiefest stattfand. Seine Entscheidung ist schon längst gefallen: Er wird die AfD wählen. Auf die Nachfrage, wieso er sich auf einen möglichen Sieg der AfD freut, sagt er: „Weil wir einen Politikwechsel brauchen in Deutschland“.
Er fühle sich von der Politik belogen. Die Regierung hätte die Wahlversprechen nicht eingehalten. Migration und Abschiebungen gehören für ihn zu den wichtigsten Themen. Gleichzeitig beschäftige ihn die prekäre finanzielle Lage vieler Menschen im Rentenalter. Auf die Frage, ob er die AfD als lösungsbringend für seine politischen Bedenken ansehe, antwortet er: „Ich denke, ja. Ich hoffe es.“ Seine Unterstützung für die Partei ist nicht neu. Die AfD wähle er seit 2015, mit einer Unterbrechung, in der er die FDP gewählt habe.
Was müsste die AfD tun, damit sie seiner Ansicht nach das erfüllt, was sie verspricht? Er antwortet, dass sie Kriminelle abschieben, „damit es hier sicherer wird in Deutschland.“, und ascht seine Zigarette ab. Für den 62-jährigen selbstständigen Handwerker steht fest: Er werde wieder die AfD wählen. Kurz darauf zieht er in die Richtung des Doms weiter.
„Jetzt probierst du eben halt mal die andere Partei aus“
Auch der 23-jährige David* (Name geändert) aus Halle hatte mal seine Stimme der AfD gegeben. Er betont ebenfalls, dass er sich eine Änderung in der Migrations- und Sicherheitspolitik gewünscht hätte. Selber kommt er aus einer Familie mit Migrationshintergrund. Die Wirtschaftspolitik sei auch reformbedürftig, sagt er. Erbsteuern würden es jungen Menschen erschweren „etwas aus dem familiären Bestand zu erhalten und auf der anderen Seite Vermögen aufzubauen“. Auch hätten ihn die politischen Angebote anderer Parteien nicht abgeholt – sie seien an den „Realitäten der Leute vorbeigegangen“. „Jetzt probierst du eben halt mal die andere Partei aus“, dachte sich David und wählte in der letzten Wahl die AfD. Bei dieser Wahl möchte er jedoch die AfD nicht erneut unterstützen. Ausschlaggebend dafür seien für ihn die Kandidaten in seinem Wahlkreis und ihre politischen Verbindungen zum rechtsextremen Spektrum. Grundsätzlich schließt er jedoch die AfD als Partei nicht aus. Auch CDU und FDP hätten Programmpunkte, die ihn ansprechen.
Fakten-Check: Die Erbschaftssteuer erschwere den Vermögensaufbau
Der Mythos, dass junge Menschen das Erbe der Familie verkaufen müssten, um die Steuer zu bezahlen stimmt nur zum Teil. Die Kernfamilie unterliegt einem massiven Schutz: Kinder erben bis 400.000 € pro Elternteil steuerfrei. Eine Ausnahme stellen unvermietete Immobilien in extrem teuren Ballungsgebieten oder Erbfälle in weiter entfernter Verwandtschaft dar. Quelle: https://t1p.de/52md6
„Die AfD hat kein politisches Angebot, um den Leuten zu helfen. Sie hat bloß ein Gefühl, was sie anbieten kann.“
Der Politikwissenschaftler Nicolas Spohn erzählt, dass es aus pragmatischer Perspektive kaum konkrete Ansatzpunkte gäbe, was die AfD machen würde, damit es den Leuten besser geht. Stattdessen spreche die Partei Gefühle und den Wunsch nach Veränderung an. Genau dieser Wunsch zieht sich durch die Gespräche mit den Wähler*innen auf der Straße und am Wählerstand. Aber was genau erscheint sowohl jungen als auch älteren Leuten attraktiv an der AfD?
„Ältere Menschen sind häufiger an traditionalistischen Werten interessiert“, sagt uns Spohn. Auch der Struktur- und demographische Wandel nach der Wende präge ihre politische Haltung. Hinzu komme das Gefühl der fehlenden Anerkennung der eigenen Lebensleistung. Diese Erfahrungen würden auch an die Jüngeren weitergegeben, weswegen diese einen Wunsch nach einem an die idealisierte Version der DDR angelehnten „Kümmererstaat“ verspüren. Zudem erziele die AfD große Erfolge in den sozialen Medien. Der Spitzenkandidat Ulrich Siegmund habe sich ein „Macher-Image“ auf den Plattformen aufgebaut, wodurch er für einige Jugendliche als Vorbild fungiere. Trotz unterschiedlicher Lebenssituationen sehe der Politikwissenschaftler eine Gemeinsamkeit: „Ein hoher Wunsch nach Veränderung ist ihnen gemeinsam“. Dazu komme auch das Gefühl nicht ausreichend beteiligt zu sein und mitgestalten zu wollen. Aber am stärksten vereine beide Generationen die Stimmung, die die AfD vermittele: „Jetzt verändert sich was, wir sind im Aufbruch, wir kommen irgendwie voran“.
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Maximilian Enrico Loebert , Rosalie Raasch
