Mit 23 Jahren fürs Berliner Abgeordnetenhaus kandidieren? Für Tim Junge ist das genau der richtige Zeitpunkt. Der Grünen-Politiker studiert noch, engagiert sich in der Gaming-Szene und tritt als Direktkandidat an. Im Videocall-Interview erzählt er einen Monat vor der Wahl, wie er zur Politik kam, warum er sich behaupten muss und weshalb er sich mehr junge Menschen in der Politik wünscht.
Du bist 23 Jahre alt und trittst als Direktkandidat für das Berliner Abgeordnetenhaus an. Wirst du trotz deines jungen Alters immer ernst genommen?
Ich glaube schon, dass ich ernst genommen werde. Wir haben allerdings noch nicht so viel Haustürwahlkampf gemacht. Wie die Reaktionen an der Tür sind werde ich jetzt erst herausfinden. Aber auch wenn ich nicht ganz für voll genommen werde, kann man daraus ja nicht unbedingt ablesen, was gerade in den Köpfen der Menschen vorgeht.
Bei den Kandidaten, mit denen ich konkurriere, gibt es aber auch andere Probleme. Beispielsweise löschen CDU-Admins einer großen Facebook-Gruppe in Lichtenberg regelmäßig Posts von mir. Ich bin dann zu ihnen gegangen und habe gefragt, was da los ist. Trotzdem wurden meine Posts weiter gelöscht. Da hatte ich schon das Gefühl, dass sie mich nicht ganz ernst nehmen.
In der Partei merke ich dagegen, dass ich auf jeden Fall ernst genommen werde. Da macht das Alter keinen Unterschied mehr. Das ist manchmal fast ein bisschen anstrengend, weil ich mir manchmal etwas mehr Welpenschutz wünschen würde. Dort wird eher anhand der politischen Erfahrung geschaut, wie lange man schon in der Partei ist, und weniger auf das eigene Alter.
Tim Junge, 23, kandidiert für die Grünen in Berlin-Lichtenberg
Foto: privat
Du studierst noch. Wie bekommst du das neben dem Wahlkampf hin?
Der Wahlkampf ist extrem. Es basiert nicht nur darauf, wer die besten Inhalte hat, sondern auch darauf, wer die meisten Ressourcen hat, um vor Ort Präsenz zu zeigen. Dazu kommt das Vollzeitstudium mit viel projektbasiertem Arbeiten. Ich habe meinem Team von Anfang an gesagt: Ich bin Direktkandidat, ich muss hin und wieder mehr Freizeit nehmen. Trotzdem schaffe ich es teilweise nicht, das kontinuierlich zu machen. Dazu kommen andere politische Aufgaben, ich bin zum Beispiel Sprecher von Pixelgrüne, einer grünen Gaming-Organisation.
Du sagst, dass du in einem unpolitischen Umfeld aufgewachsen bist. Wie bist du zur Politik gekommen?
Ich wurde im Zuge der Bundestagswahl politisiert, als ich zum ersten Mal wählen konnte. Ich musste mir Gedanken darüber machen: Wem gebe ich jetzt meine Stimme? Ich habe angefangen, Wahlprogramme zu lesen und mir anzuschauen, was die Parteien machen und wofür sie stehen. Anhand dessen habe ich festgestellt, dass ich mich den Grünen vom Profil her am ehesten zuordnen kann. Irgendwann bin ich dann in die Jugendorganisation gegangen. Das hatte aber gar nicht den Grund, dass ich Karriere machen wollte. Meine Therapeutin hatte mir das empfohlen, weil ich im ländlichen Raum aufgewachsen bin und es dort kaum Menschen gab, die ähnliche progressive Einstellungen wie ich hatten.
Wie kam es dann dazu, dass du als Direktkandidat aufgestellt wurdest?
Die Aufstellung läuft in der Regel über eine Kreismitgliederversammlung. Gerade in umkämpfteren Wahlkreisen ist aber oft schon vorher klar, wer wahrscheinlich kandidieren wird. In meinem Fall kommt dazu, dass ich nicht in meinem Wahlkreis wohne. Ich wusste, dass ich kandidieren möchte, wusste aber noch nicht, wo. In meinem Wahlkreis in Berlin-Lichtenberg habe ich mich, obwohl er für die Grünen eher unbeliebt ist, sehr wohlgefühlt. Ich komme aus einer Gegend, in der die Gesellschaftsstrukturen ähnlich sind. Ich habe das Gefühl, dass ich die Leute in Lichtenberg besser nachvollziehen kann und sie mich vielleicht auch besser nachvollziehen können. Ich habe meine Unterlagen eingereicht, und tatsächlich hat sich keine andere Person gefunden, die dort kandidieren wollte. Dann wurde ich zum Direktkandidaten gewählt.
„Es gibt auch Leute, die im ländlichen Raum im Osten aufwachsen und nicht stockkonservativ sind.“
Was hat dich dazu bewogen, überhaupt für das Abgeordnetenhaus zu kandidieren?
Ich hatte mir damals gesagt, dass ich, wenn ich nicht umziehe in Mecklenburg-Vorpommern kandidiere, um zu zeigen: Es gibt auch Leute, die im ländlichen Raum im Osten aufwachsen und nicht stockkonservativ sind. Wir sehen insbesondere im ländlichen Raum, wie die Gesellschaft konservativer wird. Da wollte ich gerne dagegenhalten und ein Zeichen setzen. Auch wenn man nicht aus einer links-grünen Familie kommt und einem das nicht in die Wiege gelegt wurde, hält das einen nicht davon ab, sich zu informieren, welche Partei einen am besten vertritt und wer die eigenen Lebensverhältnisse am ehesten verbessern würde.
Warum braucht es deiner Meinung nach mehr junge Menschen in der Politik?
Ich würde hundertprozentig sagen, dass Politik davon profitieren würde, wenn sich mehr junge Menschen beteiligen würden. Ich glaube, junge Menschen haben andere Perspektiven als ältere Menschen. Ich sehe nicht, dass das im Parlament ausreichend abgebildet wird. Mir wäre es extrem wichtig, dass sich junge Menschen mehr beteiligen – aber auch Menschen, die nicht die Ressourcen haben, sich so stark einzubringen. Wenn immer nur die Personen an einem System teilnehmen, das auf sie zugeschnitten ist, kommt es zu Verzerrungen. Was mir außerdem auffällt, ist der Mangel an Digitalkompetenz im Parlament. Junge Menschen sind Digital Natives. Auch da findet eine Verzerrung statt.
„Ich weiß, in Games kann ich neu starten, im echten Leben geht das nicht.“
Welche politischen Themen beschäftigen dich besonders?
Gaming ist ein wichtiges Thema. Wenn ich gewählt werden würde, wäre ich der einzige direkte Kandidat mit einem Hintergrund in Gamedesig in Deutschland, vielleicht sogar weltweit. Das wäre eine sehr einzigartige Perspektive, die ich einbringen könnte.
Mobilität ist mir ebenfalls wichtig. Ich bin in Mobilitätsarmut aufgewachsen. In Berlin sind die Verhältnisse natürlich besser als im ländlichen Raum, trotzdem ist es eine Strukturfrage. Es gibt auch in Berlin viele Menschen, die fast nur in ihrem Kiez bleiben, weil ihnen beispielsweise das Ticket zu teuer ist. Das sieht man auch an Initiativen wie Freifahren. Es gibt sehr viele Menschen, die sich das Ticket nicht leisten können. Dafür setze ich mich auf Landes- oder Bundesebene für eine Art Mobilitätsversicherung ein. Also dafür, dass Mobilität ähnlich wie bei einer Sozialversicherung über einen Prozentsatz des Einkommens ermöglicht werden könnte.
Und natürlich sind Nachhaltigkeit und Klimaschutz wichtig. Was mich politisiert hat, war auch die Klimakrise. Das ist eigentlich der Kern meines Handelns. Ich habe extrem Angst vor der Klimakrise und möchte alles tun, um darauf aufmerksam zu machen, dass wir wirklich aggressiv schauen müssen, was wir machen können. Uns geht die Zeit aus. Ich weiß, in Games kann ich neu starten, im echten Leben geht das nicht.
Was würdest du anderen jungen Menschen raten, die sich auch politisch einbringen wollen?
Parteistrukturen sind oft intransparent und für junge Menschen schwer verständlich. Zum Beispiel wissen viele nicht, dass man nicht eine Legislatur abwarten muss, wenn man kandidieren möchte, da man dann zu spät ist. Man sollte sich schon nach einer Wahl informieren und in der Partei nachfragen. Junge Menschen sollten mutig sein, sich nicht hintenanstellen und sich nicht kleinmachen lassen. Man muss aber auch wissen, dass leider oft die Ellenbogenkultur vorherrscht und man manchmal weggedrängt statt unterstützt wird.
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