Land­rutsch: Hier verliert die CDU an Boden

Datum
27. September 2021
Autor*in
Julius Kölzer
Redaktion
politikorange
Thema
#Politik
Quadrat - Instagram (Grafik von Christopher Folz)

Grafik: Christopher Folz

Der Volks­par­teien-Status der Union bröckelt. Sichtbar wird das nicht nur an einem bundes­weit histo­risch schlechten Ergebnis, sondern auf der Wahl­kreis­karte. Julius Kölzer erklärt die Hinter­gründe.

Deutsch­land hat gewählt. Die Verschie­bungen der Kräf­te­ver­hält­nisse und die Verän­de­rung des Partei­en­sys­tems drücken sich auch in der poli­ti­schen Land­karte aus. Rele­vant sind hierbei vor allem die massiven Stim­men­ver­luste der CDU: Sowohl bei Erst- und Zweit­stimmen verliert die Partei jeweils 3,6 Millionen Stimmen. Von den bisher 185 Direkt­man­daten der CDU bleiben nach dem gest­rigen Wahl­abend gerade einmal 98 Wahl­kreise übrig. Die Verluste der CDU auf der Wahl­kreis­karte sind jedoch nicht nur reines Zahlen­spiel, sondern Ausdruck einer zentralen poli­ti­schen Verän­de­rung: Der Volks­par­tei­en­status der CDU ist noch nie so deut­lich gebrö­ckelt. Die Christdemokrat*innen verlieren dabei in verschie­dene poli­ti­sche Rich­tungen in unter­schied­li­chen Regionen und müssen zudem selbst um ihre tradi­tio­nellen Wählen­den­mi­leus kämpfen. In Bezug auf die Direkt­man­date stechen drei Trends hervor.

Stadt­flucht

Was sich bereits bei der Euro­pa­wahl 2019 abzeich­nete, ist gestern Abend noch viel deut­li­cher geworden: Der Schwund der CDU in den Groß­städten ist allge­gen­wärtig. West­deut­sche Ballungs­räume gewinnen SPD und Grüne reihen­weise von der CDU: Frei­burg, Stutt­gart, Frank­furt am Main, Köln, Heidel­berg, Osna­brück, Münster, Flens­burg, Düssel­dorf, Mann­heim, München Süd, Hamburg-Nord, Erfurt, Halle, Chem­nitz, sowie die Berliner Wahl­kreise Tempelhof-Schö­ne­berg, Char­lot­ten­burg-Wilmers­dorf. Auch der Heimat­wahl­kreis von Armin Laschet, in Aachen, geht an die Grünen.

Ein Ausschnitt der Wahlkreiskarte mit dem Süden und Südwesten Deutschlands.

Ein Ausschnitt der Wahlkreiskarte mit dem Süden und Südwesten Deutschlands.

Grafik: Jugendpresse Deutschland / Christopher Folz

Die CDU ist vor allem noch im länd­li­chen Raum mit geringer Bevöl­ke­rungs­dichte vergleichs­weise stark. Für eine Partei, der es zuneh­mend nicht gelingt, Menschen im urbanen Raum anzu­spre­chen und für sich zu gewinnen, wird es zuneh­mend schwierig, für sich den Status einer inte­gra­ti­ons­fä­higen Volks­partei zu rekla­mieren. Was für die CDU spätes­tens seit dem Wahl­abend ein offen­sicht­li­ches Problem ist, betrifft die CSU in Bayern bislang nicht: Von allen 46 bayri­schen Direkt­man­daten, gewinnt die CSU 45. Ledig­lich den Wahl­kreis München-Süd verliert sie an die Grünen. Grund für die anhal­tende Domi­nanz der CSU auch im städ­ti­schen Bayern ist jedoch vor allem, dass sich Kandi­die­rende der SPD und Grünen in vielen Wahl­kreisen die Stimmen gegen­seitig wegnehmen. CSU-Kandi­die­rende werden so zu Wahl­kreis­ge­win­nern mit wenigen tausend Stimmen Abstand. Mit einem gemein­samen Kandi­de­r­enden hätten SPD und Grüne etwa alle Wahl­kreise in München, Nürn­berg und Augs­burg gewinnen können. 

Verluste im Osten trotz Kret­schmer und Haseloff 

Die Wahl­karte in Deutsch­lands Osten ist blau. Die CDU schaffte es nicht, die AfD dort zurück­zu­drängen – trotz entspre­chenden Hoff­nungen nach den Wahl­siegen von Michael Kret­schmer 2019 in Sachsen und Rainer Haseloff in Sachsen-Anhalt in diesem Jahr. Beispiel Sachsen: Von den 16 Direkt­man­daten gewinnt die CDU ledig­lich fünf und landet mit 17% der Zweit­stimmen deut­lich hinter der AfD (24%, zwölf Direkt­man­date). Glei­ches gilt für Thüringen, wo die CDU fast alle Wahl­kreise verliert und in der Zweit­stimme deut­lich hinter der AfD landet. Auch der Landes­ver­band von Reiner Hasel­hoff in Sachsen-Anhalt schafft trotz des guten Ergeb­nisses bei der Land­tags­wahl im Juni nur Drei ihrer neun Wahl­kreise zu vertei­digen. 

Ein Ausschnitt der Wahlkreiskarte mit dem Osten Deutschlands.

Ein Ausschnitt der Wahlkreiskarte mit dem Osten Deutschlands.

Grafik: Jugendpresse Deutschland / Christopher Folz

Auch in Bran­den­burg und Meck­len­burg-Vorpom­mern verliert die CDU kräftig, hier jedoch beson­ders an die Sozialdemokrat*innen. Die SPD profi­tiert von der Beliebt­heit Manuela Schwe­sigs und gewinnt im struk­tur­schwa­chen Meck­len­burg-Vorpom­mern alle Direkt­man­date von der CDU. Selbst lokale Polit­größen wie Philipp Amthor sind davon betroffen. Auch der ehema­lige Wahl­kreis von Angela Merkel geht an die SPD – trotz Unter­stüt­zung der Kanz­lerin für ihren Nach­folger. Im länd­li­chen Bran­den­burg, aufgrund der regio­nalen Bedeu­tung der Land­wirt­schaft eigent­lich CDU-Kern­land, das gleiche Bild: Die CDU verliert alle Direkt­man­date an die SPD

Verluste in der länd­li­chen Kern­wäh­len­den­schaft auch im Westen

Ein Ausschnitt der Wahlkreiskarte mit dem Nordosten Deutschlands.

Ein Ausschnitt der Wahlkreiskarte mit dem Nordosten Deutschlands.

Grafik: Jugendpresse Deutschland / Christopher Folz

In den Städten im Westen und weite Teile Ostdeutsch­lands verliert die CDU also ihre (rela­tive) Stärke. Doch es kommt noch Ärger. Auch der länd­liche Raum in West­deutsch­land ist keine sichere Basis mehr für die CDU. Diese Erfah­rung musste auch Julia Klöckner machen, die ihren Wahl­kreis in Rhein­land-Pfalz an die SPD verlor. Auch andere länd­liche Wahl­kreise im katho­li­schen Südwesten wie Südpfalz, Saar­louis, Homburg, St. Wedel gehen wieder an die SPD. Selbst nieder­säch­si­sche Wahl­kreise, in denen klas­si­sche CDU-Klientel der Land­wirt­schaft bedeutsam sind, im Umland von Hannover und Delmen­horst – Weser­marsch – Olden­burg-Land, verliert die CDU. In Nieder­sachsen und Schleswig-Holstein wech­seln auch länd­liche Regionen mit vielen Pendelnden, in den Groß­raum Hamburg wieder klar zur SPD.

Volks­par­teien schaffen es, sowohl die Inter­essen des länd­li­chen und städ­ti­schen Raums zu berück­sich­tigen und verschie­dene Milieus trotz poten­zi­eller Gegen­sätze zu inte­grieren. Ange­sichts der Ergeb­nisse der Bundes­tags­wahl 2021 muss die CDU sich fragen, ob sie das noch von sich behaupten kann. Ebenso unge­klärt ist die Frage, ob für die Union der Status einer Volks­partei über­haupt noch erstre­bens­wert bezie­hungs­weise wieder erreichbar ist, wenn die soziale Frag­men­tie­rung weiter zu- und gesell­schaft­liche Konsens­bil­dung abnimmt. Der Schwund klas­si­scher Kernwähler*innenschaften und klas­si­scher Wählen­den­mi­leus, stellt die CDU jeden­falls vor zentrale program­ma­ti­sche, struk­tu­relle und perso­nelle Heraus­for­de­rungen.


Empfohlene Beiträge

Werde Teil unserer Community!

Entdecke spannende Geschichten, vernetze dich mit anderen jungen Journalist*innen und gestalte die Medienlandschaft von morgen mit. Entdecke jetzt unsere zahlreichen Angebote:

Wehrpflicht Redaktion Gruppenbild