Von poli­ti­schen Gummi­bär­chen

Datum
25. Juli 2022
Autor*in
Amelie R
Redaktion
politikorange
Themen
#Gesellschaft #Vielfalt
Was fällt dir ein, wenn du an Politik denkst? Womög­lich kommen dir Bundes­tags­de­batten, Leute in so seriösen Outfits, dass sie eigent­lich schon spießig aussehen oder Wahl­urnen in den Sinn. Mir würden aller­dings auch noch Gummi­bär­chen und Bunt­stifte einfallen. Wieso? Nun ja…

Das Private ist poli­tisch

Politik wird nicht nur im Bundes- oder Landtag gemacht. Sie kann sehr persön­lich daher­kommen, sogar in den eigenen vier Wänden aufkommen. Zum Beispiel, wenn man beim Früh­stü­cken mal wieder darüber debat­tiert, ob die Tomaten jetzt lieber Bio oder regional sein sollen (am besten beides). Auch die Entschei­dung, welches Wort man – selbst im stillen Kämmer­lein – für Scho­ko­kuss“ benutzt, ist poli­tisch. (Spoiler: Alle Bezeich­nungen außer Scho­ko­kuss oder Schaum­bus­serl repro­du­zieren Rassismus und sollten einfach nicht verwendet werden. Außer man möchte unbe­dingt einen SCHO­KO­KUSS an den Kopf geworfen bekommen.)

Alle Bezeich­nungen außer Scho­ko­kuss oder Schaum­bus­serl repro­du­zieren Rassismus und sollten einfach nicht verwendet werden. Außer man möchte unbe­dingt einen SCHO­KO­KUSS an den Kopf geworfen bekommen“

Aber wieso haben denn jetzt diese persön­li­chen Entschei­dungen, die vermeint­lich niemanden etwas angehen, plötz­lich doch etwas mit Politik zu tun?

Es gibt da diesen berühmten Satz. Er lautet: Das Private ist poli­tisch“ und prägte vor allem den Femi­nismus der 1970er Jahre. Eine gute Erklä­rung dieses Satzes liefert Pink­stinks – die Zeiten gendern sich in dem Online­ar­tikel Was heißt: das Private ist poli­tisch? aus dem Jahr 2020. Dort wird erklärt, dass in den 70er Jahren begonnen wurde, private Verhal­tens­muster zu hinter­fragen. Zum Beispiel, dass Frauen sich um die Kinder und den Haus­halt kümmerten, sich für ihren Ehemann zu schminken und schick zu machen hatten und derglei­chen. Im Anschluss fragt der Artikel: War [das] ihre eigene, private Entschei­dung […] oder hatte das etwas damit zu tun, in welcher Gesell­schaft sie lebten und welche Gesetze gemacht wurden?“ Ich würde sagen, die Antwort ist ganz klar, schließ­lich heißt es ja: Das Private ist poli­tisch.“

Eine weitere Verdeut­li­chung bietet The Curvy Maga­zine, welches sich selbst auf seiner Home­page als ein grund­sätz­lich klas­si­sches Frau­en­ma­gazin – nur eben mit ein paar Kilos mehr“ beschreibt und sich „[…] der kurvigen Frau und ihren Bedürf­nissen [widmet]“.

Über Das Private ist poli­tisch“ ist dort online ein Artikel von Claire Weiss veröf­fent­licht, der aus dem Jahr 2019 stammt. Er heißt Fashion and Femi­nism: Das Persön­liche ist poli­tisch und gibt folgendes Beispiel: Wenn eine Frau u.a. von ihrem Mann oder Freund miss­braucht oder unter­drückt werde, sei das die Refle­xion der Unter­drü­ckung von Frauen in unserer Gesell­schaft allge­mein.

Ich denke, diese Erkenntnis war nicht nur für die 70er Jahre prägend, sondern ist auch heute noch hoch­ak­tuell. Zudem lässt sie sich auch vortreff­lich losge­löst vom Femi­nismus anwenden. Denn überall, wo uns Unter­drü­ckung im Privaten begegnet, trägt sie zur gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Zusam­men­set­zung bei. Eine Gesell­schaft ist schließ­lich nichts anderes, als viele, viele ange­häufte Privat­leben.

Nach dieser Logik wäre es also doppelt wichtig, mit dem eigenen Verhalten den eigenen Stand­punkt zu vertreten und Partei zu ergreifen. Und dafür muss man noch nicht einmal einer Partei beitreten! Tatsäch­lich kann es sogar deut­lich unspek­ta­ku­lärer sein – oder um auf den Anfang dieses Arti­kels zurück zu kommen: Nennt den Scho­ko­kuss einfach Scho­ko­kuss“. Und wenn euch andere Süßig­keiten lieber sind, kann ich euch beru­higen. Es reichen im Grunde nämlich auch schon Gummi­bär­chen und Bunt­stifte. Aber das sollte ich vermut­lich erklären…

Es trug sich zu…

… dass ich mir mit einigen Freund*innen eine Tüte saurer Gummi­bär­chen teilte. Die Gummi­bär­chen waren vertreten in vier Farben. Schwarz, rot, gelb und orange. Diese Farben erin­nerten stark an die Deutsch­land-Flagge, also wurde entschieden, alle Farben bis auf Schwarz und Rot, die Farben der Antifa, aufzu­essen. Das war der Tag, an dem wir Gummi­bär­chen poli­ti­sierten.

Es war nämlich noch nicht einmal WM und um eine Deutsch­land­flagge einfach so mit sich herum zu tragen – als Gummi­bär­chen oder in welcher Form auch immer – ist sie in den meisten Fällen einfach zu poli­tisch. Außerdem waren wir wirk­lich nicht patrio­tisch genug, eine Landes­flagge in unserer Gummi­bär­chen­tüte zu dulden.

An einem anderen Tag beschloss ich, meine Bunt­stifte – gleichsam der Gummi­bär­chen – zu poli­ti­sieren, indem ich sie in meinem Etui in der Farb-Reihen­folge der Regen­bo­gen­fahne anord­nete.

Manche Leute werden bei diesen Geschichten sicher­lich belus­tigt den Kopf schüt­teln und den Wind um Gummi­bär­chen und Bunt­stifte albern finden. Sie werden sagen: Irgendwo ist auch mal Schluss“ und von Über­po­li­ti­sie­rung spre­chen.

Aber soll ich euch etwas sagen? Ich freue mich immer, wenn ich einen Blick in meine Feder­mappe werfe und dort die Bunt­stift-Regen­bo­gen­fahne weht. Und nein, es ist nicht irgendwo mal Schluss“.

Und nein, es ist nicht irgendwo mal Schluss‘. Wieso sollten wir Schluss machen?“

Wieso sollten wir Schluss machen? Wieso bitte sollten wir auch nur eine Sekunde vergessen, was uns wichtig ist, wofür wir einstehen, wofür wir kämpfen? Poli­ti­sche Ansichten hat man im Ideal­fall nicht nur im Poli­tik­un­ter­richt. Poli­ti­sche Ansichten machen unsere Persön­lich­keit aus und somit leuchtet es doch ganz klar ein, wieso das Persön­liche poli­tisch ist, oder? Jeden­falls erklärt es ganz gut, wieso das Poli­ti­sche persön­lich ist.

Bei welcher Partei hört die Freund­schaft auf?

Aber wie viel Poli­ti­sches tut unserem Persön­li­chen gut? Muss man manchmal viel­leicht doch für eine oder mehrere Sekunden vergessen, wofür man steht und kämpft? Ist es bisweilen doch ratsamer, die Gummi­bär­chen Gummi­bär­chen sein zu lassen?

Dazu habe ich versucht, verschie­dene Meinungen und Geschichten einzu­fangen. Die Frage ist: Wie viel Politik hält das Private aus und bei welchen poli­ti­schen Ansichten hört die Freund­schaft auf?

[…] Ich wollte euch dazu meine Geschichte schreiben[…]“, meldete sich eine Person via E‑Mail bei mir, die wegen unter­schied­li­cher poli­ti­scher Ansichten zur Coro­na­po­litik den Kontakt zu einer Freundin verloren habe. In ihren Augen wurde das Ganze drama­ti­siert, damit die Phar­ma­in­dus­trie mehr Impf­stoffe verkaufen kann[…]“ und die Main­stream-Medien seien gekauft und somit instru­men­ta­li­siert. Mit diesen Ansichten sei die Freundin bei der Person aber auf kontra gestoßen. Wir haben zwischen­durch beschlossen, das Thema einfach auszu­blenden[…]“, um ein stän­diges Anein­an­der­ge­raten zu verhin­dern, aber so richtig funk­tio­niert habe das nicht. Nach einem heftigen Streit habe die Freundin schließ­lich den Kontakt abge­bro­chen, obwohl die Person selbst mit dieser Meinungs­ver­schie­den­heit hätte leben können. Sie findet nämlich, eine Freund­schaft solle so etwas zu einem gewissen Grad aushalten können, solange alle fair mitein­ander blieben.

Aber eben nur zu einem gewissen Grad. „[…] mit Leuten, die es […] über­treiben, könnte ich nie befreundet sein“, schreibt die Person und meint damit Dinge wie sexis­ti­sche, rassis­ti­sche oder ableis­ti­sche Äuße­rungen im Freun­des­kreis.

Wo verläuft bei anderen Menschen die Grenze? Beispiels­weise wurde ich einmal Zeugin, wie sich darüber ausge­tauscht wurde, wen man lieben könne und wen nicht. Wen nicht, da war man sich schnell einig und zählte sogleich die halbe Partei­en­land­schaft auf. Wählt die CDU oder FDP? Nicht liebens­würdig. AfD? Erst recht nicht. Ich gebe die Frage mal weiter. Bei welcher Partei hört für dich die Freund­schaft auf?

Andre arbeitet in einer anti­qua­ri­schen Buch­hand­lung und trägt ein Band-T-Shirt von Nirvana. Ihm falle die Beant­wor­tung dieser Frage schwer, denn „[…] nur, wenn jemand was wählt, verhält er sich ja manchmal im alltäg­li­chen Leben anders.“ Es gebe schließ­lich Unter­schiede dazwi­schen, „[…] was Leute erzählen und was sie so leben“, denkt er. Aller­dings grenzt er ein, dass alles rechts der CDU und links der Linken für ihn „[…] zu großen Teilen nicht wählbar […]“ sei.

Als ich frage, ob er beispiels­weise mit einer Person befreundet sein könnte, die den menschen­ge­machten Klima­wandel leugnet, denkt er kurz nach. Dann kommt er zu dem Schluss: Ja, könnte ich.“ In einer Freund­schaft müsse man nicht immer eine Posi­tion vertreten. Es ist wichtig, dass man streiten kann.“

Diese Ansicht ähnelt ja auch der der Person, die sich wegen der Coro­na­po­litik mit ihrer Freundin zerstritten hatte. Also, was muss eine Freund­schaft denn jetzt wirk­lich aushalten?

Sinem sieht das alles noch ein biss­chen anders.Sie ist gerade aus der Bahn gestiegen, als ich ihr die gleiche Frage wie Andre stelle. Eine Freund­schaft mit einer den menschen­ge­machten Klima­wandel leug­nenden Person? Es würde schwierig sein“, befürchtet sie, aber sie würde den Kontakt zu der Person nicht gleich abbre­chen. Statt­dessen wolle sie versu­chen, eine posi­tive Verän­de­rung bei der anderen Person zu erwirken, sie von der eigenen Meinung zu über­zeugen. Dieser Ansatz ist unter­schied­lich zu dem von Andre und der Corona-Person. Diese spra­chen davon, dass eine Freund­schaft Streit aushalten müsse. Sinem bezwei­felt, dass eine Freund­schaft, in der die Ansichten so weit ausein­an­der­liegen, über­haupt lang­fristig halten könne. „[…] Ich weiß […] nicht, inwie­weit unsere Inter­essen sich decken oder wir die Freund­schaft halten würden“, sagt sie.

Auf die Frage, bei welcher Partei für sie die Freund­schaft aufhöre, hat sie eine klare Antwort. Ich würd‘ jetzt ehrlich sagen – es tut mir leid -, aber AfD […]“. Sie fügt hinzu: Viel­leicht erkennt man das ja: Ich bin keine gebür­tige Deut­sche.“ Darüber hinaus begründet sie: „[…] Rassismus gehört nicht zum Alltag und irgend­wann sollte das Stop gesetzt werden. Deswegen bin ich gegen die AfD“ Dennoch würde Sinem in etwa­iger Situa­tion einer Freund­schaft inter­es­sieren, was die Hinter­gründe der Person seien, wieso diese mit der AfD sympa­thi­siere.

Du musst entscheiden, ob es sich lohnt, die Freund­schaft zu retten. Mach eine Liste der guten, dann eine der schlechten Seiten. Wenn die eine über­wiegt, weißt du, was du zu tun hast.“ (aus The Hate You Give‘)

Wo eine Freund­schaft letzt­end­lich aufhört, lässt sich nicht pauschal sagen, das ist wohl von Person zu Person unter­schied­lich. Einen Tipp habe ich aber. Wenn ich ehrlich bin, stammt er nicht von mir, sondern ist aus dem Roman The Hate You Give von Angie Thomas. Dort heißt es von Mutter zu Tochter: Du musst entscheiden, ob es sich lohnt, die Freund­schaft zu retten. Mach eine Liste der guten, dann eine der schlechten Seiten. Wenn die eine über­wiegt, weißt du, was du zu tun hast.“

Und auch wenn Politik nicht bei allen eine gleich große Rolle spielt, ist doch seit den 70ern klar, dass unser Privat­leben zu der Gesell­schaft, in der wir leben, beiträgt. Das Private ist poli­tisch. Und deshalb sollte uns eigent­li­chen allen etwas an Politik liegen. Denn wenn wir unser Privat­leben verän­dern, dann können wir damit auch die Gesell­schaft verän­dern. Ganz à la Ein kleiner Schritt für den Menschen, aber ein großer Sprung für die Mensch­heit“. Also ran an die Gummi­bär­chen­tüten!


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