Mobiler Wahl-O-Mat: Wie sich die Demo­kratie durch Rhein­land-Pfalz stickert

Datum
26. März 2026
Autor*in
Hannah Sturm
Redaktion
politikorange
Themen
#LTWRLP26 #Politik
Menschen unterhalten sich beim Bestickern des analogen Wahlo-O-Mat.

Menschen unterhalten sich beim Bestickern des analogen Wahlo-O-Mat.

Jugendpresse e.V./ Caroline Sauter 

Markt­samstag in der Mainzer Altstadt, die Sonne lacht. Zwischen Schob­be­glas und Eisbe­cher kann man sich hier einen Tag vor der Land­tags­wahl sein eigenes poli­ti­sches Meinungs­bild ersti­ckern und heraus­finden, welche Partei die eigene Posi­tion am besten vertritt. Hannah Sturm hat sich ins Markt­ge­tummel begeben und fragt nach, wie jene Wahl­be­tei­li­gungs­pro­jekte bei den Bürger*innen ankommen. 

Ein Früh­lingstag in Mainz. Auf der Ludwigs­straße scheint die Sonne. Es ist Markt­samstag, dementspre­chend finden sich in den Händen einiger Passant*innen Schob­be­gläser und Eisbe­cher. Kinder mit Luft­bal­lons bahnen sich ihren Weg durch die Menge. Auf den Ballons sind die Logos verschie­dener Parteien zu erkennen, denn: Morgen wird der neue Landtag in Rhein­land-Pfalz gewählt. In der Altstadt verteilt sind die Info­stände der Parteien zu finden. Ein weiterer Stand, der viele Mainzer*innen zu einem Stopp bewegt ist der gemein­same Demo­kra­tie­stand der Landes­zen­trale für poli­ti­sche Bildung (LpB) und des Land­tags. Zu erkennen ist er an der Wand aus gelber LKW-Planen, auf die unzäh­lige rote und grüne Punkte geklebt wurden. Menschen stehen allein und in Klein­gruppen davor und unter­halten sich ange­regt: Sie durch­laufen den analogen Wahl-O-Mat. Nebenan ein blauer Pavillon in dem Mitarbeiter*innen des Land­tags über die Wahlen infor­mieren. Beide Ange­bote sind Teil des Projekts Wahl­tour“. 

Eine der Personen, die am Stand stehen geblieben sind, um den Wahl-O-Mat auszu­pro­bieren, ist Lukas. Er ist 30 Jahre alt. Ich habe heute Morgen schon den online Wahl-O-Mat gemacht und dann fand ich sehr inter­es­sant, dass man hier auch sehen kann, was andere Leute so hinkleben“, sagt er. Johanna und Paula sind 25 und 26. Ich finde das Projekt sehr sinn­voll“, sagt Johanna. Man wird nochmal zum Nach­denken ange­regt. Vor allem, weil ich den Wahl-O-Mat dieses Jahr nicht nochmal gemacht habe, weil ich mir recht sicher bin, was ich wähle. Jetzt schaue ich mir das Ergebnis hier an und hinter­frage das viel­leicht nochmal.“ Paula findet vor allem den Austausch mit den anderen Standbesucher*innen span­nend:

Ich finde es cool, dass man die Möglich­keit hatte, mit anderen über einzelne Sachen zu quat­schen, darüber was die so denken.“ 

Der 65-jährige Gerhard ist eben­falls zufällig am Stand vorbei­ge­laufen. Man kann sehen wie abge­stimmt wird und wie sich die Antworten verteilen, das finde ich super“, sagt er. 

In den Wochen vor der Land­tags­wahl haben bei der Wahl­tour“ der analoge Wahl-O-Mat und der Demo­kra­tie­stand Halt in acht Ortschaften des Bundes­lands gemacht, um Menschen über die Wahlen zu infor­mieren. Mit dabei waren unter anderem Stopps in Wester­burg, Ludwigs­hafen und Trier. 

Menschen vor dem gemeinsamen Demokratiestand des Landtags Rheinland-Pfalz und der Landeszentrale für politische Bildung

Menschen vor dem gemeinsamen Demokratiestand des Landtags Rheinland-Pfalz und der Landeszentrale für politische Bildung

Jugendpresse Deutschland e.V. / Caroline Sauter 

Nicole Lieder ist Refe­rentin im Bereich Demo­kratie- und Erwach­se­nen­bil­dung im Landtag Rhein­land-Pfalz und hat das Projekt zusammen mit der Landes­zen­trale orga­ni­siert. Plan war es, ein über­par­tei­li­ches, nied­rig­schwel­liges Angebot zu schaffen, mit dem viele Ziel­gruppen erreicht werden können und ins Gespräch gekommen werden kann.“ Der Landtag und die LpB stehen in regel­mä­ßigem Austausch. Bereits bei der letzten Bundes­tags­wahl wurde der Wahl-O-Mat zum Aufkleben“ der Bundes­zen­trale für poli­ti­sche Bildung einge­setzt, um damit gezielt Erstwähler*innen anzu­spre­chen, sagt sie. Inspi­ra­tion für eine Tour durch Rhein­land-Pfalz war eine Info­tour der LpB, welche anläss­lich des 50-jährigen Bestehens der Insti­tu­tion 2024 veran­staltet wurde. 

Der Wahl-O-Mat ist ein Infor­ma­ti­ons­an­gebot über Wahlen und Politik, welches Wähler*innen dabei helfen soll ihre eigenen Stand­punkte mit denen der Parteien zu verglei­chen. Das passiert mit der Hilfe verschie­dener Thesen, auf welche die Nutzer*innen mit Zustim­mung, Ableh­nung oder Unent­schlos­sen­heit reagieren können. In der Regel handelt es sich bei Wahl-O-Mat um Online­an­ge­bote. Die User*innen klicken sich durch die Aussagen und im Anschluss wird das indi­vi­du­elle Ergebnis ange­zeigt. Die LPB brachte dieses Konzept nun in die Fußgän­ger­zonen und auf die Markt­plätze des Bundes­landes. 

Thema­tisch spannen sich die Thesen von der Abschaf­fung der Miet­preis­bremse bis zum ökolo­gi­schen Weinbau. Aber auch zu Handy­ver­boten an Grund­schulen und Schwan­ger­schafts­ab­brü­chen wird abge­fragt. Erar­beitet wurden die Thesen an zwei Work­shop­wo­chen­enden von einem ausge­wählten Team bestehend aus 30 Fach­leuten, Professor*innen, Journalist*innen und Jugend­li­chen. Nachdem zunächst 80 Sätze formu­liert wurden, welche die rele­vanten Themen dieser Land­tags­wahl abbilden sollten, wurden diese zur Posi­tio­nie­rung an die Parteien versendet. Im Anschluss wurden die Thesen auf die bestehenden 38 gekürzt und in den Wahl-O-Mat mit aufge­nommen. 

Der Wahl-O-Mat spuckt die Ergebnisse einer Person aus, die vorher ihre Sticker auf die Plane geklebt hat

Der Wahl-O-Mat spuckt die Ergebnisse einer Person aus, die vorher ihre Sticker auf die Plane geklebt hat

Jugendpresse Deutschland e.V. / Caroline Sauter 

In der analogen Version werden die Thesen auf gelbe Planen gedruckt. Jede Person, die das Angebot wahr­nehmen möchte, kann sich am Stand einen Sticker­bogen mit einem roten und einem grünen Punkt für jede Aussage abholen. Dann wird These für These abge­ar­beitet. Stimmt man zu, wird ein grüner Punkt geklebt, lehnt man das gesagte ab, ein roter. Bei Unent­schlos­sen­heit finden beide Punkte ihren Weg auf die Plane. Sind alle Sprech­blasen beklebt, kann man durch das Anbringen von schwarzen Stickern entscheiden mit welchen Parteien die eigene Einstel­lung vergli­chen werden soll. Auf dem Bogen entsteht durch das Aufkleben ein Loch­muster, welches von einer Maschine ausge­wertet werden kann. Nach dem Einscannen spuckt der Automat einen Kassen­zettel aus, der die prozen­tuale Über­ein­stim­mung mit den ausge­wählten Parteien aufzeigt. 

Sebas­tian Spiller ist studen­ti­sche Aushilfe im rhein­land-pfäl­zi­schen Landtag und arbeitet am Info­stand, der neben dem Wahl-O-Mat aufge­baut ist. Sebas­tian findet: 

Das Wahl­recht wird derzeit nicht von allen wert­ge­schätzt, wir befinden uns leider in Zeiten, in denen nicht so viele Menschen wählen gehen.“

Deshalb sei es dem Projekt ein wich­tiges Anliegen über­par­tei­lich und neutral auf die Wahlen aufmerksam zu machen. Mit Quizzen, Info­ma­te­rial und einer Demo­kra­tie­wand wollen sie mit den Menschen ins Gespräch kommen. Vor allem soll die Initia­tive Raum zum Zusam­men­kommen schaffen. Dieser Vorsatz wird von den Bürger*innen sehr gut aufge­nommen. Die Rück­mel­dungen waren gut. Dass auch außer­halb des Land­tags Präsenz gezeigt wird, dass zu den Menschen gekommen wird, das wurde positiv bewertet“, sagt er. 

Am Demokratiestand des Landtags Rheinland-Pfalz liegt Infomaterial aus.

Am Demokratiestand des Landtags Rheinland-Pfalz liegt Infomaterial aus.

Jugendpresse Deutschladn e.V. / Caroline Sauter 

Dr. Sarah Scholl-Schneider ist stell­ver­tre­tende Direk­torin der LpB. Auf die Frage, wie das Angebot von den Bürger*innen aufge­nommen wird, sagt sie: Zu sehen, was andere punkten, regt das eigene Hinter­fragen an, da bekommen wir rück­ge­meldet, dass das span­nend ist.“ Sie berichtet, dass die Menschen den Wahl-O-Mat häufig zu zweit oder in Klein­gruppen durch­laufen, dass es zu einer gemein­schaft­li­chen Sache gemacht wird. Sie erzählt von Eltern, die ihren Kindern die Thesen erklären und sie mit Hilfe der Standmitarbeiter*innen einordnen. Es ist auch eine Möglich­keit, um uns Feed­back zu geben. Wir finden es schön, wenn etwas zurück­kommt. Wir bekommen auch Rück­mel­dung zu den Thesen: Was sind wich­tigen Themen für Rhein­land-Pfalz? Welche Themen fehlen den Menschen? Wo brau­chen sie zusätz­liche Infos?“ Laut ihr gehe es vor allem darum, die Wahl­be­tei­li­gung anzu­heben und Menschen mit Infor­ma­tionen auszu­statten. Dazu liegt am Stand verteilt Info­ma­te­rial aus. Broschüren in leichter Sprache und Zeitungen mit inter­ak­tiven Bestand­teilen können kostenlos mitge­nommen werden. 

Die Wahl­be­tei­li­gung in Rhein­land-Pfalz lag bei der Land­tags­wahl 2021 bei 64,4 Prozent. 1,96 Millionen Menschen stimmten ab – rund 204.000 weniger als bei der vorhe­rigen Wahl. Immerhin ist die Wahl­be­tei­li­gung für die aktu­elle Land­tags­wahl ange­stiegen. 68,5 Prozent der Rheinland-Pfälzer*innen haben bis zum Wahl­sonntag gewählt. Aber woran liegt das? Und können Projekte wie die Wahl­tour“ wirk­lich etwas an der Wahl­be­tei­li­gung ändern? 

Laut dem Mainzer Poli­tik­wis­sen­schaftler Dr. Alex­andru Filip ist das ein Trend, der auch schon bei der letzten Bundes­tags­wahl zu beob­achten war. 2025 hatte die höchste Wahl­be­tei­li­gung seit 1987. Das zeigt unter anderem das die Gesell­schaft pola­ri­siert ist. Wenn Menschen denken, dass die Lage ernst ist, gehen sie wählen“, sagt er in Bezug auf die Wahl­be­tei­li­gung in Deutsch­land. 

Viele Leute sind über­ra­schend unin­for­miert. Viele Menschen wissen wenig über die Inhalte der Wahl­pro­gramme der poli­ti­schen Parteien. Leider geht es in der Politik viel um Vibes“

so Dr. Filip. Er erzählt von einer eigenen Erfah­rung in einer Dorf­turn­halle, in die er einge­laden wurde, um Bürger*innen über die Partei­pro­gramme aufzu­klären. Es gefällt mir zu denken, dass diese Art von Inhalten eigent­lich helfen.“ Weiter meint er, dass viele Menschen sehr bequem seien: Auch wenn sie geneigt sind, wählen zu gehen. Oft kommt aber etwas dazwi­schen. Wenn einen dann jemand auf der Straße anspricht oder an die Tür klopft, bringt es manche Menschen viel­leicht doch dazu ins Wahl­lokal zu gehen. Wenn das auch nur zu einem Prozent mehr Wahl­be­tei­li­gung führt, hat es sich gelohnt.“ 

Was lässt sich aus der Wahl­tour“ mitnehmen? Es bleibt offen, ob wir uns den Weg zu einer höheren Wahl­be­tei­li­gung ersti­ckern können. Unsere Demo­kratie können wir aber stärken, solange wir die Sticker gemeinsam kleben. Ein gemein­samer Austausch, in dem unter­schied­liche Ansichten gehört und disku­tiert werden, ist dafür ein wich­tiger Grund­pfeiler. Außerdem: Die Menschen da abholen, wo sie sind. Kompli­zierte Sach­ver­halte in einer Sprache erklären, welche die Bürger*innen verstehen. Denn von den Auswir­kungen poli­ti­scher Entschei­dungen sind sie unmit­telbar betroffen. Infor­mieren, einordnen und zuhören. Das alles sind Prozesse, welche die Wahl­tour“ in die rhein­land-pfäl­zi­schen Fußgän­ger­zonen bringt. So kann den Wähler*innen das Werk­zeug für eine infor­mierte Wahl­ent­schei­dung in die Hand gegeben werden. So können Menschen zur Teil­nahme an demo­kra­ti­schen Prozessen ermu­tigt werden. 


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