Über Heimat, Prägung und politische Identität.  

Bindestrich-Bundesland-Bürger*innen

Datum
22. März 2026
Autor*in
Oskar Stempfle
Redaktion
politikorange
Themen
#Politk #LTWRLP26 #Porträt
Anfang 20 und aus RLP: Lara, Hanna, Aleyna und Jakub

Anfang 20 und aus RLP: Lara, Hanna, Aleyna und Jakub

Oskar Stempfle 

In der Mainzer Neustadt schließt Jakub seine WG-Zimmertür hinter sich. Ein paar Straßen weiter sitzt Hanna in einem Café. In Trier läuft Aleyna durch die Innen­stadt, noch regnet es nicht. Lara blickt auf ihre Stadt, auf den Betze. Was sie gemeinsam haben? Sie sind alle von hier. Aufge­wachsen irgendwo zwischen Rhein­land und der Pfalz. Ansonsten? Fragen wir sie! 

Lara, 22, studiert Biologie an der RPTU Kaiserslautern

Lara, 22, studiert Biologie an der RPTU Kaiserslautern

Oskar Stempfle

Später sitzt Lara auf einem WG-Balkon und raucht. Die Sonne sticht ihr ins Gesicht, es ist Anfang März und warm. Sie blickt auf die Innen­stadt von Kaisers­lau­tern, die Frucht­halle, das große Einkaufs­zen­trum. Sie ist hier geboren, aufge­wachsen, erwachsen geworden. Dass sie sich hier zuhause fühlt, kam erst spät, sagt sie. Sie sei immer ein biss­chen anders gewesen als die anderen, im Kinder­garten, der Grund­schule. Weil das direkt mit meinem Nach­namen raus­kommt – du bist keine Deut­sche.“ Keiner habe ihn ausspre­chen können. Das wo kommst du her?“ machte sie zur Fremden – in der eigenen Stadt. Ihre Eltern stammen aus Polen. Dort“, sagt sie, ist eher Heimat als hier.” Erst mit der Zeit, dem Unter­wegs­sein und Heim­kommen habe sich das geän­dert. Dann habe ich mich doch in der Region hier, in der Pfalz, mehr zu Hause gefühlt, als ich es woan­ders in Deutsch­land tun würde.“ Wenn Lara an ´Lautern denkt, sehe sie den Wald. Und das, sagt sie, sei dann doch Heimat, wenn sie durch die Baum­reihen fährt, das finde sie schön. Trotzdem verbinde sie die Region nicht mit Rhein­land-Pfalz. Die Pfalz sei für sie so, wie sie darge­stellt werde – mit Weingut und so. Lautern sei da ganz am Rand. Wir sind so nah am Saar­land dran. Uns wird auch oft vorge­worfen, wir wären Saar­länder.“ Regio­nale Iden­tität? Spürt sie nicht. Poli­tisch spielt das keine Rolle. Ob regional oder bundes­weit – meine Stimme kann etwas Gutes tun.“ Egal, ob sie sich dem nun verbunden fühle oder nicht. An der Wahl­urne am wich­tigsten? Gleich­be­rech­ti­gung. Und Inte­gra­tion. Sie weiß, worum es geht. Und, dass ihre Stimme zählt. 

Aleyna, 20, macht ein FSJ-Kultur am Theater Trier

Aleyna, 20, macht ein FSJ-Kultur am Theater Trier

Oskar Stempfle 

An einem anderen Wochen­ende – es ist nun noch eine Woche bis zur Wahl – sitzt Aleyna in einem Trierer Café und rührt in ihrem Latte Macchiato. Draußen peitscht der Wind Regen durch die Einkaufs­straße. In der Innen­stadt sei sie früher nie gewesen. Zuhause, sagt sie, verbindet sie mit Trier-Feyen – dem Viertel ihrer Kind­heit. Dem Mehr­fa­mi­li­en­haus, Einstein­straße eins, mit rosa­far­benen Wänden, ein biss­chen dreckig, der Himmel blau und wolkig. Wie so ein Bilder­buch“, lacht sie. Sie wohnt nicht mehr da. Viel prägender als der Ort sei ihr soziales Umfeld. Ihre besten Freunde lernt sie in der Ober­stufe kennen, erschließt sich mit ihnen die Stadt – und sich selbst. Sie hatten einen riesigen Einfluss darauf, wer ich heute bin.” Auch poli­tisch. Das liegt nicht an der Region, in der ich lebe, sondern einfach an unserer Bubble.“ Andere Menschen in ihrem Alter seien ganz anders. Und auch sie, sagt Aleyna, wäre ganz anders, wenn sie mehr Zeit mit anderen Menschen verbracht hätte. Mit Rhein­land-Pfalz fühlt sie sich nicht verbunden. Aber mit den Menschen, die sie umgeben, ihren Freundis, der Familie, dem Trie­risch, das ihre Mutter spricht und ihre Oma. Ich wähle gerne für dieses Bundes­land, weil ich halt gerade hier lebe.“ Was sie vor der Wahl bewegt? Kultur! Und ihre Mitmen­schen. Wäre die Reno­vie­rung des Trierer Theater – in dem sie arbeitet – nicht beschlossen worden, hätte es schließen müssen. Gene­rell solle für allge­mein­nüt­zige Einrich­tungen mehr Geld übrig­bleiben. Sie wünsche sich, dass jeder Mensch – egal woher stam­mend oder wie viel leis­tend – gut leben könne. Und, dass die Gesell­schaft dies respek­tiere. Sich das Leben verdienen zu müssen, sagt sie, sei krank. 

Jakub, 22, studiert Jura an der JGU Mainz

Jakub, 22, studiert Jura an der JGU Mainz

Oskar Stempfle 

Jakub setzt sich an den Küchen­tisch seiner WG. Vor ihm dampft eine Teetasse. Die Fenster sind decken­hoch, draußen die große Allee, zwei­spurig, Rich­tung Innen­stadt. In Mainz, rechnet er, lebt er bald fünf Jahre. Es fühlt sich schon wie zuhause an, aber nicht ganz.“ Wenn er Heim fahre, nach Ludwigs­hafen, spüre er, DAS ist zuhause. In Mainz wohne er – nur. Die Stadt, sagt er, fühle sich an wie ein großes, liebes Dorf. Seine Heimat­stadt sei dagegen vor allem grau: Baustellen, Leer­stand, Gewer­be­flä­chen, Indus­trie. Trotzdem mag er sie. Wegen dem Zuhause-Gefühl – nicht wegen dem, was sie ist oder wie´s da läuft.“ Seine beiden Heimaten seien auch zwei verschie­dene Welten – die nicht ganz mitein­ander vereinbar seien. Mit der regio­nalen Kultur, dem Pfäl­zi­schen, sei er groß geworden. Mit dem Wurst­markt in Bad Dürk­heim, den Dorf­festen, der Wein­schorle. Wenn auch nicht vom Eltern­haus her. Jakub hat polni­sche Wurzeln, ist Gast­ar­bei­ter­kind, seine Eltern bauten sich hier eine Exis­tenz auf. Viele seiner Freundis hätten ähnliche Biogra­fien, manche seien selbst Geflüch­tete. 70 Prozent von denen haben wirk­lich Probleme“, sagt er. Manche von ihnen hätten 10 Jahre auf ihren Pass warten müssen. Andere seien armuts­ge­fährdet. Poli­tisch reprä­sen­tiert fühlen sie sich nicht. Es sei immer dieses Wir helfen euch, wir wissen, was ihr braucht“ – aber sie wissen es gar nicht, sagt er. Ein Blick von oben herab, Gerede, das den sozial Schwä­cheren nicht helfe. Allge­mein fehle es an poli­ti­scher Konse­quenz. An Lösungen. In Politik habe ich, was soziale Sachen angeht, kaum Vertrauen.“ Wen er wählen soll, wisse er nicht. Oder ob. Seine beiden Heimaten seien eben auch poli­tisch verschie­dene Welten. 

Hanna, 23, studiert Publizistik und Komparatistik an der JGU Mainz

Hanna, 23, studiert Publizistik und Komparatistik an der JGU Mainz

Gerade war auch die Sonne noch da.“ Hanna schaut in den Himmel. Das Café in der Mainzer Neustadt ist frei­tag­nach­mit­tags­voll. Es sind die letzten Tage vor der Wahl, die Plakate an den Stra­ßen­rän­dern sind bereits mehr­fach beklebt. Hanna lebt hier seit fünf Jahren. Eigent­lich kommt sie vom Land. Aus dem Rhein­land, Vorder­eifel, 20 Minuten von der Mosel. Teil­weise gebe es dort mehr Kühe als Menschen, scherzt sie. Die Hälfte der Leute, mit denen ich groß geworden bin, kam aus Land­wirt­schafts­be­trieben.” Vieles bleibe dort beständig. Sie sei nun oft die Städ­terin – gerade in poli­ti­schen Debatten. Dabei sei auch sie verbunden mit ihrer Heimat, manchmal sogar mehr, als ihr lieb sei. Gerade, wenn sie in der Stadt ist. Diese Land-Stadt-Menta­lität ist schon prägnanter, als man sich einge­stehen will“ sagt sie. Dorf­trot­tel­witze? Kennt sie. Macht sie mitt­ler­weile selbst. Poli­tisch sei das Verhältnis nicht auf Augen­höhe. Leute auf dem Land fühlen sich vernach­läs­sigt.“ Debatten würden an ihrer Realität vorbei­ge­führt, zum Beispiel bei der Mobi­lität. Bei ihr fahren drei Busse pro Tag – alles Schul­busse. Ohne Auto geht´s halt nicht.“ Dieser Konflikt, sagt sie, sei viel größer als regio­nale Unter­schiede, ob jemand Eifler sei oder Wester­wälder. Auf dem Land herr­sche eine beson­dere poli­ti­sche Kultur. Es ist SPD oder CDU.“ Und jeder wisse, wer wen unter­stützt. Ihre Familie, Mama, Opa hätten immer schon CDU gewählt. Bei ihrer ersten Wahl, Landtag 2021, bestimmt das auch ihre Entschei­dung. Heute ist das anders. Ihr gehe es um Demo­kratie, Rechte, für alle und jeden, Klima­wandel. Um Haltung. Man streitet sich über Haltung und nicht über spezi­fisch poli­ti­sche Themen“ sagt sie. Das habe sich verän­dert. 


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