Ein Einblick in unser Nach­bar­land: Was denkt Tsche­chiens Jugend über LGBTQ und Klima?

Datum
09. Mai 2022
Autor*in
Lucie W
Redaktion
politikorange
Themen
#Gesellschaft #Vielfalt
Südmähren eignet sich übrigens wunderbar zum Radfahren

Südmähren eignet sich übrigens wunderbar zum Radfahren

Lucie W

Als Frei­wil­lige arbeite ich schon seit einem halben Jahr an einem Gymna­sium in Südmähren, einer Region im Süden von Tsche­chien. Hier bin ich ständig in Kontakt mit Jugend­li­chen, viele davon in meinem Alter oder nur wenige Jahre jünger als ich. Was denken sie hier über die Themen, die vielen Deut­schen oft beson­ders wichtig sind?

Unser Nach­bar­bar­land Tsche­chien ist sehr unscheinbar und nur selten begegnet man ihm in den Acht-Uhr-Nach­richten. Doch seitdem ich mein FSJ in dem etwa 10,5 Millionen Menschen starken Land begonnen habe, habe ich einen immer besseren Eindruck in eine ähnliche und doch sehr verschie­dene Kultur bekommen. Dabei lerne ich hier auch viele Jugend­liche kennen und habe ihnen Fragen über die Themen gestellt, die bei uns in Deutsch­land oft Gesprächs­thema Nummer eins sind.

Ein Über­blick über die poli­ti­sche Situa­tion in Tsche­chien. Welche Parteien sind hier sehr stark? Gibt es Gegen­stücke zu den Parteien in Deutsch­land?

Die bisher wich­tigste Partei ist die 2011 gegrün­dete ANO“ Die bisher wich­tigste Partei ist die 2011 gegrün­dete ANO“ (Tsche­chisch für Ja“), der auch der ehema­lige Premier Andrej Babiš ange­hört. Sie stehen für konser­va­tive Werte und fordern eher wenig Verän­de­rung.

Ihr Gegner ist Spolu“, das tsche­chi­sche Wort für zusammen“, bei dem es sich demnach auch um einen Zusam­men­schluss von mehreren Parteien handelt. Mit dem Ziel, den ehema­ligen Premier abzu­lösen, haben sich drei konser­vativ-libe­rale Parteien zusam­men­getan, die sich für Familie, Bildung und Umwelt einsetzen. Auch orien­tieren sie sich am Westen, so glauben sie vor allem an eine erfolg­reiche Zukunft mit der Nato, aber auch mit der EU.

Beson­ders auffällig war für mich eine Partei, deren Wahl­pla­kate mir sofort ins Auge fielen. Nicht etwa, weil sie extra­va­gant gestaltet waren (ganz im Gegen­teil, sie waren eher schlicht, der Name der Partei, dann ein für mich derzeit unver­ständ­li­cher Wahl­spruch und ein lächelnder Mann), sondern weil mir der Name der Partei sehr vertraut vorkam. Diese trägt zwar den glei­chen Namen, bezie­hungs­weise die gleiche Abkür­zung, aber dennoch könnte sie nicht unter­schied­li­cher sein. Die tsche­chi­sche SPD ist nämlich rechts­po­pu­lis­tisch, anti-musli­misch und anti-EU. Man könnte sie auch mit der deut­schen AfD verglei­chen.

Im Kontrast dazu stehen die Piraten. Eine moderne Partei, die bei jungen Leuten sehr, bei den Älteren eher weniger beliebt ist. So setzten sie sich beispiels­weise für die Lega­li­sie­rung von Mari­huana, Klima­schutz und die Ehe für alle ein.

Im Herbst 2021 fanden auch hier in Tsche­chien Parla­ments­wahlen Im Herbst 2021 fanden auch hier in Tsche­chien Parla­ments­wahlen statt, die in diesem Jahr äußerst wichtig waren. Es ging vor allem darum, ob der Premier­mi­nister Babiš, der in viele Korrup­ti­ons­skan­dale verwi­ckelt war und dessen Regie­rung den Finanzen des Landes erheb­lich geschadet hat, wieder­ge­wählt wird. Zum einen wird Babiš, ein Unter­nehmer und Milli­ardär mit Medien- und Indus­trie-Impe­rium, vorge­worfen, er soll EU-Subven­tionen einge­stri­chen haben. Viele denken, er gibt seinen Beruf als Unter­nehmer nicht auf, um nur Poli­tiker zu sein.

Seine Partei ANO hat bei der letzten Wahl nicht die meisten Stimmen gewonnen, sie kamen nur auf den zweiten Platz hinter dem Bündnis Spolu, die damit ihr Ziel erreicht hatten. Die Regie­rung seit 2021 besteht also nun aus Spolu, der Piraten Partei und der Partei STAN, einem Bündnis von lokalen Bürgermeister*innen. ANO findet sich zusammen mit der SPD in der Oppo­si­tion.

Obwohl nun an Tsche­chiens Spitze kein Poli­tiker mit Korrup­ti­ons­vor­würfen mehr sitzt, sind viele noch immer unzu­frieden, denn in erster Linie ging es bei diesen Wahlen, beson­ders dem Partei­en­bündnis Spolu, darum, den jetzt ehema­ligen Premier abzu­lösen. Viele beschweren sich deshalb, dass andere Themen in den Hinter­grund gerückt wurden. So meinte eine Schü­lerin, dass der Klima­schutz den Gewinner*innen Spolu zwar wichtig ist, aber im Moment keine Prio­rität darstellt. Ebenso wenig erfolg­reich steht es um die Ehe für alle. Zwar ist Spolu nicht so konser­vativ wie ANO und wahr­schein­lich auch das klei­nere Übel“, aber es befindet sich in diesem Bündnis beispiels­weise auch die Partei Top 09“, die insbe­son­dere für christ­liche Werte stehen. Deshalb ist die Ehe zwischen zwei Männern oder zwei Frauen noch immer nicht erlaubt in Tsche­chien.

Was denken die Jugend­li­chen über LGBTQ?

Doch gerade bei Jugend­li­chen ist letz­teres ein großes Thema. Laura, eine Schü­lerin, die ich inter­viewte, sagte, viele ihrer Freund*innen seien in der LGBTQ-Commu­nity und infol­ge­dessen würden sie viel darüber spre­chen. Es störe sie auch, dass immer heraus­ge­hoben werden muss, dass es sich um eine Hoch­zeit oder Bezie­hung zwischen zwei Männern oder Frauen handelt und niemand dies als normal ansieht. Laura ist dagegen, dass über andere Menschen geur­teilt wird und meint, es solle über die Liebe und nicht das Geschlecht gespro­chen werden. Auch Menschen, die sich mit einem anderen Geschlecht iden­ti­fi­zieren respek­tiert sie und fordert mehr Unter­stüt­zung. Von Menschen, die gegen­über der LGBTQ-Commu­nity vorein­ge­nommen sind, denkt sie, dass man diese aufklären sollte. Viele würden das nicht verstehen und seien noch an alte Tradi­tionen gewöhnt. Laut Laura hätten diese früher nicht darüber geredet und es sei ihre Meinung ein Trend. Die Schü­lerin, die gerade selbst an einer Ausar­bei­tung über LGBTQ in der tsche­chi­schen Lite­ratur schreibt, stimmt dem aber nicht zu.

Kamila aus Tschechien

Kamila aus Tschechien

Foto: privat

Kamila, eine andere Schü­lerin, mit der ich gespro­chen habe, vertritt eine ähnliche Meinung. Sie denkt, dass jede*r ein Recht darauf hat, so zu leben, wie man das möchte und verur­teilt aggres­sive Hand­lungen gegen­über den Menschen in dieser Commu­nity. Als Kind war es für sie noch seltsam beispiels­weise zwei sich küssende Männer zu sehen, findet das aber mitt­ler­weile normal. Auch sie ist enttäuscht von der Regie­rung und der geschei­terten Lega­li­sie­rung der Ehe für alle.

…Und was über Klima?

Auch bei dem Thema Klima­schutz teilen die Schü­le­rinnen größ­ten­teils ihre Meinung. Auch wenn die Region in Südmahren eindeutig von dem sich ändernden Wetter und sogar Wetter­ex­tremen betroffen ist, wird in der Politik nicht beson­ders viel drüber geredet. So wird die einst sehr frucht­bare Region immer trockener und im letzten Sommer gab es sogar einen Tornado, der die Hälfte eines Dorfes und insge­samt 180 Häuser zerstörte und sechs Menschen tötete. Davon erzählte mir Kamila, die mir des Weiteren auch von dem vielen Plas­tik­müll (beson­ders in Super­märkten begegnet man hier vielen Plas­tik­tüten für Back­waren, Ost und Gemüse) berich­tete, wobei sie selbst für die Wieder­ver­wer­tung von Plastik ist. Auch Fridays for Future sei hier kein allzu großes Thema.

Hierbei wider­spricht ihr aber Laura. Als ehema­lige Schü­ler­spre­cherin hat sie versucht eine Info-Veran­stal­tung über Klima­schutz zu orga­ni­sieren, was leider nicht verwirk­licht werden konnte. Fridays for Future Demons­tra­tionen fanden aller­dings in Prag und in Brünn, der zweit­größten Stadt Tsche­chiens, statt. Was aber die Akti­vität der Politik zum Klima­schutz angeht, stimmen die Meinungen von Kamila und Laura überein, wobei ich von Laura noch erfahre, dass der ehema­lige Präsi­dent Václav Klaus den Klima­wandel leugnet. Gene­rell ist sie der Meinung, dass alle Länder aktiver sein sollten, auch wenn sie sich bereits für mehr Klima­schutz bemühen. Insbe­son­dere in Tsche­chien würde der Klima­wandel zwar ange­spro­chen, aber nicht als Prio­rität behan­delt werden

Im Großen und Ganzen denke ich, Tsche­chien ist ein Land mit viel Poten­zial, dass sich seit den Wahlen letztes Jahr in eine gute Rich­tung bewegt. Die Schüler*innen, die ich hier kennen­lernen durfte, sind offen und nett und ich hoffe mit ihrer Hilfe und mit den Inter­views, bei ein paar Leuten das Inter­esse für unser Nach­bar­land geweckt zu haben.

Quellen:

Mit der AfD hat der tsche­chi­sche Rechts­extreme ein großes Problem – WELT

Tsche­chien und das Problem mit den Rechten: Prager Winter – DER SPIEGEL

Popu­lis­ti­sche Partei ANO: Babis-Partei verliert Parla­ments­wahl in Tsche­chien – WELT

Wahl­sieg der rechten Mitte in Tsche­chien: innen- und euro­pa­po­li­ti­sche Konse­quenzen der Wahlen zur Abge­ord­ne­ten­kammer (ssoar​.info)

GEMEINSAM werden wir die Tsche­chi­sche Repu­blik zusam­men­bringen (spolu21​.cz)

Tsche­chiens Piraten auf dem Weg zur Regie­rungs­partei? | Europa | DW | 19.01.2021

Piraten und Bürger­meister – das Programm für die Wahlen 2021 (pirati​.cz)

Die Posi­tion der Piraten zur Verhin­de­rung der Entwick­lung von riskantem Sucht­ver­halten und zur Verrin­ge­rung des damit verbun­denen Scha­dens (pirati​.cz)

Tsche­chien: Hundert­tau­sende fordern Rück­tritt von Minis­ter­prä­si­dent Andrej Babis (t‑online.de)

Tsche­chien: Tausende demons­trieren gegen Regie­rung von Babis (faz​.net)

Programme bases and prin­ci­ples | TOP 09

Tornado in Tsche­chien: Eine Schneise der Zerstö­rung | tages​schau​.de

Jugend will auch in Tsche­chien die Klima­de­batte voran­bringen | Radio Prague Inter­na­tional


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