Das Gefangenentheater “aufBruch” spielt alte deutsche Klassiker und erntet neben Applaus auch wachsenden Gegenwind. Dann werden Projektgelder gekürzt. Kann so Resozialisierung glücken und wieviel ist sie uns schlussendlich wert? Eine Reportage.
Ein Nachmittag in der Jungfernheide: Auf einer Bühne ruft, flüstert und wiederholt eine Gruppe Schauspielender ihren Text. Sie proben „Mann ist Mann“, einen Klassiker von Bertolt Brecht. Sie haben ein Zelt mit allem Equipment und Besitz der Mitarbeitenden in der Nähe aufgebaut und hoffen, dass es nicht regnen wird. Das Wetter scheint ihnen wohlgesonnen und als ich in der Pause noch da sitze, werde ich neugierig gefragt, wer ich bin und was ich hier mache. Wäre es eine gewöhnliche Inszenierung eines Berliner Theaterhauses, würde ich vermutlich nie hier sitzen. Denn was die Spielenden hier von anderen unterscheidet, ist, dass sie für „aufBruch“ spielen, ein Gefangenentheater.
Die einzige Frau des Casts ist eine engagierte Schauspielerin von außerhalb, der Rest der Männer hat im Gefängnis mit dem Spielen begonnen. „Natürlich war es nötig, dass auch Männer Frauen spielen. Und das ist auch schön zu sehen, wie sie dann dazu stehen“, sagt mir einer der Schauspielenden, der hier Sven-Eric genannt werden will. Er ist ein ehemaliger Insasse, der dem Ensemble auch über seine Gefangenenzeit hinaus treu blieb und nach zwei Jahren Schichtarbeit jetzt wiederkommt. Sven-Eric sagt mir, dass das auch mit der Atmosphäre zu tun hat. „Jeder kann von null auf anfangen. Es zählt nicht, was er im Leben toll gemacht, hat welche Straftat er begangen hat, sondern es zählt jetzt die Möglichkeit, mit anderen etwas zu schaffen“, meint er. Immer wieder lobend wird er über den Regisseur, Peter, sprechen, den er hauptsächlich für diese Mentalität bei Proben verantwortlich sieht.
Foto: Mark Schulze Steinen
“aufBruch” gibt es schon seit über 29 Jahren. Das Gefangenentheater ist in verschiedenen Berliner Justizvollzugsanstalten (JVA) wie Tegel und Plötzensee tätig. Sie arbeiten mit Insassen im geschlossenen und im offenen Vollzug. Auf ihrer eigenen Webseite betonen die Macher*innen von “aufBruch” ihr Ziel, eine Begegnung zwischen Insassen und freien Menschen zu schaffen. Die Schauspieler auf der „Innenseite“ sind unter anderen Moses, Sven-Eric und Max, mit denen ich jeweils zwischen den Proben spreche. Sie sitzen nicht mehr alle in Haft, haben aber durch ihre Zeit in der JVA angefangen, für „aufBruch” zu spielen.
Mit neuen Rollen zum neuen Selbstverständnis
Sven-Eric sagt mir: “Es wird klar, dass das, was wir da machen, eine eigene Geschichte ist. Im Gefängnis muss man auch Rollen spielen, aber nicht selbst gewählt.” Man müsse sehen, dass man kein Opfer werde, den Beamten nicht auffalle. Die Rede ist von “aggressiven Elementen”, die sich im Spiel auf eine gesunde Art ausleben lassen. Er sei sich sicher, dass viele Straftaten durch „aufBruch“ nicht begangen wurden. Sven-Eric überlegt: “Es gibt bestimmt einen gewissen Teil der Beamten, die dem Ganzen positiv gegenüber eingestellt sind, für die meisten ist es aber Zusatzarbeit.“ Was er meint, sind zusätzliche Wege, Aufsichten bei Vorführungen oder Sicherheitsvorkehrungen für Probentreffen.
Den Aspekt der Begegnung beschreibt Sven-Eric mir auch aus seiner Sicht: “Bei Publikumsgesprächen sind die Leute immer so: ‘Oh, ich hätte nie gedacht, dass sie ein Straftäter sind.’ Aber wir wollen an dem Abend ja auch nur Schauspieler sein.”
Foto: Mark Schulze Steinen
Den Anfang einer Inszenierung sieht Sven-Eric als kurze Hürde im Prozess, die weitere persönliche Entwicklungen anstößt. Er merkt an: “Es sind auch alles Lernprozesse. Um die 15 verschiedene Leute kommen und man denkt sich: ‘Das wird nie was, nie im Leben.“ Das Vertrauen käme mit der Zeit, so Sven-Eric. “Weil man jeden Tag miteinander zu tun hat, stellt man fest: ‘Ok, vielleicht ist der doch ganz ok.’ Das alles funktioniert nur mit Disziplin und wenn wir uns Mühe beim Tolerieren geben”, bekräftigt er mehrmals. Den heilsamen Charakter betont er mir gegenüber auch: “ Wenn du zu einer Therapie gehst, dreht es sich um dich zentral. Beim Theater kannst du dich freier entfalten und stößt vielleicht auf Dinge, die ganz viel mit dir zu tun haben. Das gibt einem auch ein ganz anderes Selbstbewusstsein. Am Anfang sind Leute erstmal unsicher, aber die, die länger dabei sind, brauchen keine Machtkämpfe und sind entspannt.”
“aufBruch” beweist eigenes Potenzial der Spielenden
Basics wie Selbstorganisation sind auch für meinen zweiten Interviewpartner Max elementar. Über seinen Alltag erzählt er mir: “Das Theater gibt mir einen geregelten Tagesablauf, es macht mich wieder arbeitsfähig.“ Zu „aufBruch“ meint er: „Es hilft mir, meine Gedanken zu sortieren. Vorher hatte ich immer total Angst vor fremden Personen, mit denen zu reden. Aber jetzt kann ich das.” Im Kontrast zu limitierten Freizeitoptionen im Gefängnis sieht er „aufBruch“ als Rettung für einige und als kulturelle Bereicherung. Max meint: “Die Leute können sich hier auch viel besser artikulieren, lernen, zu sprechen. Sonst gibt es nur Drogengespräche und mal Sport.”
Max’ Lächeln ist etwas gedämpft, als er mir von den Gegner*innen des Projekts erzählt: “In den oberen Etagen gibt es Befürworter und die, die denken, dass wir schon genug verhätschelt werden.“
Ihm ist wichtig, zu betonen, die Insassen seien oft nicht mehr das, was die Justizvollzugsangestellten zu Beginn in ihnen sähen. “Wir werden immer verurteilt, durchsucht. Aber das wir etwas im Leben hinkriegen, das können sie nicht damit vereinbaren”, sagt er. In der künstlerischen Arbeit sieht Max auch einen Zugewinn für den guten Ruf der JVA Tegel.
Spielfreude als Kanal für angestaute Wut
Anders als Max oder Sven-Eric hat Moses schon als Jugendlicher bei „aufBruch“ mitgespielt. “Das erste Mal war ich 15 Jahre alt, da saß ich noch im Jugendknast“, meint er. Klassenfeind hätten sie damals gespielt. “Wir sind danach auch besser miteinander und allen Menschen umgegangen“, berichtet er mir von den Auswirkungen nach dreimonatigen Proben. Hier lasse er die Wut raus, die sich im Vollzug anstaut. Er glaubt nicht an Resozialisierung in Berliner Gefängnissen und sagt auf Nachfrage: “Zu wenig Personal. Ist alles nur mehr Schein als sein.”
Foto: Mark Schulze Steinen
Moses erzählt, er selbst würde gern arbeiten, er sei gebürtiger Berliner und habe hier seinen Schulabschluss gemacht. Doch die Arbeitserlaubnis fehle ihm wegen seines Gefängnisaufenthaltes. Im Laufe des Gesprächs gestikuliert Moses verständnislos und beschreibt: “Auf Dauer geht man daran kaputt. Ich habe mich so sehr bemüht, in den offenen Vollzug zu kommen.” Kann ein solches Projekt also zur Resozialisierung beitragen und warum stößt es auf teils starken Widerstand?
Ein Angebot mit Wirkung und Widerstand
Im Gespräch erklärt mir der Leiter der JVA Tegel, Martin Riemer, das Theater sei auch aus seiner Sicht sinnstiftend und baue eine Hilfsbrücke des Vertrauens in andere Menschen. „Menschen von außerhalb” würde beispielsweise von Beginn an mehr vertraut als Justizvollzugsangestellten im Gefängnisalltag, auch, weil die Crew des Theaters nicht dieselben Verpflichtungen und Verantwortungen für die Insassen trägt. Er betont mehrmals: „Es liegt eben nicht in unserem Interesse, dass die Gefangenen nachmittags vor der Glotze hängen.“ Durch „aufBruch“ sei es möglich, dass die Spielenden ihre freie Zeit sinnvoll nutzen.
Mit Martin Riemer spreche ich auch über Kritik an „aufBruch“ und frage ihn, woher diese kommt. Riemer meint, das komme größtenteils durch generelles Infragestellen der Haftbedingungen. Unverständnis darüber, dass die JVA Tegel beispielsweise als erste JVA ihren Gefangenen ein Fernstudium ermöglichte oder darüber, dass Ausbildungen finanziert werden.
Kürzungen und Kritik am Projekt erschweren die Arbeit von “aufBruch”
Eben diese Freiheiten des Projekts werden und wurden allerdings durch Kürzungen des Senats in den vergangenen zwei Jahren ein Stück weit gefährdet.
Die Finanzierung von zusätzlichen kulturellen Angeboten wie “aufBruch” an Gefängnissen steht gerade in Zeiten von Kürzungsbedarf auf wackeligen Beinen. Diese Kürzungen implizieren dabei auch immer, dass anderes momentan wichtiger ist und gekürzt wird dort, wo man Geld mit dem kleinsten Schaden wegnehmen kann. Dass „aufBruch“ bei dieser Abwägung zumindest teilweise eher in den optionalen als den systemrelevanten Topf einsortiert wurde, ist unter den Artikeln und Videos über das Projekt Inhalt der Kontroverse. Das hängt auch damit zusammen, was wir von Gefängnissen erwarten und welche Leistungen wir Insassen zugestehen. Sind sie reine Zentralen der Vergeltung und wortwörtlicher Haftstrafe, dann scheinen zusätzliche Angebote unnötig. Auch die Argumente oder Vorbehalte anderer gegen “aufBruch”, die mir Moses schildert, haben alle eins gemeinsam: Sie halten das Theater für überflüssig und die Gefangenen für verwöhnt. Ein Ungerechtigkeitsempfinden, wie es auch Martin Riemer mit dem Beispiel der Lehrangebote skizzierte. Kostenfreier Zugang zu Bildung ist dann Gegenstand einer Neiddebatte. Oft schließt unser Empfinden von Gerechtigkeit scheinbar außerdem das Leid derer ein, die zuerst für Leid gesorgt haben. Wir wollen, dass Schuldige für etwas büßen und nicht „nur“ Sozialstunden leisten. Wenden wir uns Haftanstalten aber mit einem anderen Blick zu, sollen sie vor allem eines: Resozialisierung schaffen.
Warum sich Investitionen in Resozialisierung lohnen
Laut dem Sachstandsbericht der wissenschaftlichen Dienste des deutschen Bundestags ist der wichtigste Zweck einer Strafe nach heutigem Verständnis, “Täter davon abzuhalten, erneut straffällig zu werden”. Im Zuge dessen beruft sich der Bericht auch auf das “Recht auf Resozialisierung”, das bereits aus Artikel 1 und 2 des Grundgesetzes folge. Diese Resozialisierung benötigt dann natürlich entsprechende finanzielle Mittel, aber auf lange Sicht soll sie auch unsere Gesellschaft schützen. Ohne Zukunftsperspektive ist ein Rückfall in die Kriminalität wahrscheinlicher, so der Gedanke. Und auch schrittweise Öffnungen der Gefängnisstrafe sind Teil der Resozialisierungsmaßnahmen. Dabei trennt man zwischen offenem und geschlossenem Vollzug. Äußerlich unterscheidet sich der offene Vollzug vom geschlossenen Vollzug im Wesentlichen dadurch, dass er über keine oder nur verminderte Vorkehrungen gegen die Flucht von Gefangenen verfügt. Er ermöglicht ihnen, Arbeit und sozialen Beziehungen sowie familiären Verpflichtungen nachzugehen und soll eine Brücke zum Leben nach dem Vollzug schaffen. Monetär betrachtet sei der geschlossene Vollzug die teuerste Form des Justizvollzugs, sagt mir Martin Riemer. Laut einem Bericht der Tagesschau soll jeder Häftling den deutschen Staat 200 Euro pro Tag kosten.
Foto: Mark Schulze Steinen
Die Gefängnisse sind mit ihrer Gesamtheit an Kontrollmechanismen eine große Investition. Und das mit einer Rückfallquote von 46 Prozent nach nur drei Jahren Haft und 66 Prozent nach 12 Jahren. Währenddessen konnte eine Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2016 erstmals für Deutschland einen Zusammenhang zwischen unzureichender Bildung in Form fehlender Hauptschulabschlüsse und Kriminalität zeigen. Dass Bildung und kulturelle Angebote zur Entfaltung der Persönlichkeit wichtig sind, findet auch Martin Riemer. Er betont aber auch, dass staatliche Ressourcen begrenzt seien und die Art des Einsatzes wichtig sei. Gleichzeitig sehe er relevante qualitative Veränderungen im Vollzug ohne Geldzuwachs als unrealistisch. Er meint: „Natürlich wären kleinere Anstalten hilfreich und auch ich hätte sicher Ideen, was man mit mehr Geld machen könnte, aber mit den gegebenen Mitteln ist das nicht möglich.“
Je länger Gefangene also ohne Freiheiten und Resozialisierung in Haft sind, desto mehr Kosten entstehen dem Senat. Eine Investition in die Bildung und Resozialisierung durch diverse Angebote wäre also auch eine Möglichkeit, langfristig durch weniger geschlossenen Vollzug mehr Geld im Etat zu behalten. Vorausgesetzt wäre hier, dass die Maßnahmen auch ihren Zweck erfüllen.
“Vorsichtig optimistische” Aussichten und willkommene Spenden: Trotz Einschränkung geht “aufBruch” weiter
In unserem Gespräch betont Moses ähnlich wie meine anderen Interviewpartner: “Bei aufBruch sehe ich ein Ergebnis von Arbeit und es ist ein bisschen Therapie. Man macht sich am Ende zuhause Gedanken, auch über sich selbst. Ich hoffe inständig, dass die Politik nachdenkt und aufstockt, statt zu kürzen.” Moses erklärt “aufBruch” auch als Ort, an dem viele Gefangene aufblühen, als Ort der Selbstfindung und als Anker auch im Leben von Ehemaligen.
Ich bin mir unsicher, ob die Schönheit eines Spiels Gegner*innen des Projekts überzeugen kann. Aber ich denke, dass es ein anderer Aspekt vermag. Max, Moses, Sven-Eric und alle anderen arbeiteten eigenständig an sich selbst und ihrer Emotionsregulation, deren Fehlen sie unter anderem ins Gefängnis brachte. Ökonomisch gedacht ein Win-Win: Sie werden mit Disziplin, Motivation und Erfolgserlebnissen für den Arbeitsmarkt fit gemacht, ohne dass sie Arbeit als sinnlos und stumpf in Erinnerung behalten und ablehnen. Sie sparen dem Staat bei Erfolg potenzielles Geld für eine weitere Haft und bieten sich bei Zuschauer*innengesprächen für einen Austausch an. Das bietet eine für Außenstehende einmalige Möglichkeit, überhaupt mit Häftlingen in Kontakt zu kommen. Erwähnt bliebe: Selbst als pessimistische*r Gegner*in der Ausgaben kann man sich am Ende immer noch auf ein deutlich preiswertes und beeindruckendes Theatererlebnis freuen.
Für 2026 schreiben die Verantwortlichen von “aufBruch” unter dem Reiter “Stand der Dinge”, der Senat habe das Budget “glücklicherweise nicht weiter geschmälert“, hinzu kämen bereits bestätigte Mittel aus dem Hauptstadtkulturfonds für ihre Jungfernheideproduktion. Angesichts dessen seien sie “vorsichtig optimistisch“, bei gleichbleibenden Besucher*innenzahlen und Einnahmen auch das kommende Jahr schadlos zu überstehen.
Martin Riemer sagt, er wünsche sich ein weiteres Bestehen des Projektes und die Verantwortlichen seien bisher auch immer kreativ an Unterstützung gekommen. Trotzdem sind Spenden seit der letzten Streichungen mehr als willkommen. Moses lernte „aufBruch“ im „Jugendknast“ kennen, während andere Kinder nicht mehr die Möglichkeit dazu haben, weil die Mittel fehlen. So fehlt potenziell eine zusätzliche Chance für Resozialisierung. Denn gerade wer als Jugendliche*r straffällig wurde, hat eine höhere Rückfallquote als andere Erwachsene.
