Die düsteren Spiele von München

Datum
27. September 2022
Autor*in
Yasmin O
Redaktion
politikorange
Themen
#Gesellschaft #Vielfalt
Bei den Olym­pi­schen Spielen von 1972 nahmen paläs­ti­nen­si­sche Terro­risten israe­li­sche Sportler als Geiseln und ermor­deten sie später. Nach den heiteren Spielen von München blieb das Gedenken an sie aus.

27 Jahre nach dem Ende des Zweiten Welt­kriegs war die Welt zu Besuch in Deutsch­land. Dieses hatte eine schwere Aufgabe vor sich. Die Erin­ne­rung der Welt war noch geprägt von den letzten Olym­pi­schen Spielen von 1936. Hitlers Regime nutze die Spiele aus, um sich propa­gan­dis­tisch in Szene zu setzen. Leni Riefen­stahl drehte einen Film zu Olympia 1936, mit dem sie die vorteil­hafte Seite des Dritten Reichs präsen­tierte. 1972 sollte alles anders aussehen. München wollte sich welt­offen zeigen. Wenn Zuschauer*innen nach Deutsch­land blickten, sollten sie keine Poli­zisten sehen. Das erin­nerte zu sehr an die Nazi­zeit. Einige israe­li­schen Athleten*innen, die nach Deutsch­land kamen, haben es schon vorher betreten. Der Leicht­athlet Shaul Ladany, der das Attentat in München über­lebte, wurde während des NS-Regimes im Konzen­tra­ti­ons­lager Bergen-Belsen gefangen gehalten.

Bei den Sommer­spielen 1972 war er außerdem einer der Geschä­digten der Geisel­nahme.

Elf israe­li­sche Athleten, ein deut­scher Poli­zist und fünf Terro­risten starben. 50 Jahre danach sind die Namen der getö­teten Athleten nicht vergessen – auch wenn Deutsch­land sich schwer­getan hat, die eigene Mitschuld einzu­räumen. Den Ange­hö­rigen blieb nur, genau darum zu kämpfen. Dies geschah erst Jahr­zehnte später.

4. September 1972 – am Vorabend des Terror­akts

Im Zuge der heiteren Spiele wollte Deutsch­land Brücken zu anderen Ländern bauen. Das sind unsere Spiele, fried­liche Spiele“, meinte Speer­werfer Klaus Wolfer­mann, der in München Gold gewann. Wir wollen die Welt einladen, wir wollen mitein­ander feiern. Das war der Ausgangs­punkt.“ Die Erin­ne­rung an das Dritte Reich war frisch, zumal Shaul Ladany den Holo­caust über­lebt hat. Aber das sollte sich ändern. München polierte sich für die Welt. Schon Jahre vor den Spielen gab es Anzei­chen für einen Terrorakt. 1970 haben paläs­ti­nen­si­sche Terro­risten in München-Reim versucht, eine Maschine der israe­li­schen Airline El Al zu entführen. Die Bilanz: ein Passa­gier stirbt. Es war der Vorbote zu den Olym­pi­schen Spielen zwei Jahre später. Die Sicher­heits­be­din­gungen im Olym­pi­schen Dorf an der Connol­ly­straße 31 waren lockerer als gewohnt. Der Grund: Zuschauer*innen sollten nichts von bewaff­neten Polizist*innen sehen. Das weckte zu schnell Erin­ne­rungen an das NS-Regime. Am Abend vor der Geisel­nahme gewann die west­deut­sche Athletin Ulrike Mayforth Gold im Hoch­springen. An diesem Tag rühmte sich West­deutsch­land mit vier Gold­me­daillen, die Euphorie war groß.

Stunden später schaute die ganze Welt nur noch auf die israe­li­schen Geiseln in München.

4. September 2022 – München bereitet sich auf Gedenk­feier vor

Die Stadt bereitet sich auf die Jubi­lä­ums­feier vor. Man war stolz darauf, dass die Welt vor 50 Jahren zu Gast in Deutsch­land war. Es laufen zahl­reiche Veran­stal­tungen, um sich an Olympia 1972 zu erin­nern: ein Erin­ne­rungs­café wurde einge­richtet, damit Münchner*innen Erin­ne­rungen und Sachen von den Spielen austau­schen können. Die Stadt will die Erin­ne­rung an die elf Opfer ins Programm einbinden. Den Terrorakt von München kann man nicht vergessen. Aber dass es eine Erin­ne­rungs­feier an die elf israe­li­schen Opfer gibt, war nicht immer selbst­ver­ständ­lich.

Ankie Spit­zers Ehemann Andre war einer der Opfer des Terror­an­schlags. Was in München passierte, werde für immer in der Erin­ne­rung ihrer Familie bleiben. Ihre gemein­same Tochter war erst ein paar Monate alt, als ihr Vater starb. Für Ankie Spitzer war es wichtig, das Gedenken an Andre zu bewahren. Sie war nach dem Terror­an­schlag im Olym­pi­schen Dorf und berichtet von der Verzer­rung im Zimmer: „ Der Raum war ein einziges Chaos. Blut überall. Einschuss­lö­cher. Teile der Wand waren herun­ter­ge­kommen. Essen lag herum. Man hatte ihnen nicht erlaubt, auf die Toilette zu gehen.“ Ankie war gezwungen, die Geisel­nahme über das Fern­sehen mitzu­ver­folgen. Ihre Familie war vor dem Fern­seher versam­melt und sah der Geisel­nahme zu. Einer der Terro­risten nahm ihren Ehemann Andre ans Fenster mit – das war das letzte Mal, dass sie ihn lebend sah.

5. September 1972 – die Welt schaut bei der Geisel­nahme zu

Ein paar DDR Athlet*innen wurden Zeugen von der Geisel­nahme. Einen israe­li­schen Athleten, Mosche Wein­berg, erschießen die Terro­risten sofort. Seine Leiche wird draußen liegen gelassen. Klaus Lang­hoff, Hand­baller, berichtet, dass dieser Anblick beson­ders furchtbar gewesen sei. Schnell darauf wird klar, worauf es die Terro­risten ange­legt haben: die Frei­las­sung von 232 paläs­ti­nen­si­schen Gefan­genen. Israel weigert sich, die Anfor­de­rung zu erfüllen. Der dama­lige Präsi­dent des Inter­na­tio­nalen Olym­pi­schen Komi­tees (IOC) Avery Brundage stellte sich vor der Welt, um die Botschaft zu verkünden: die Spiele müssen weiter­gehen. Das taten sie auch – aber die Stim­mung hatte sich verän­dert. Klaus Lang­hoff meint, dass die Stim­mung danach gedrückt war. Es fühlte sich komisch an, nach dem Tod der israe­li­schen Athleten weiter­zu­ma­chen.

Erin­ne­rung an die Opfer

Die Ange­hö­rigen mussten Jahr­zehnte dafür kämpfen, dass die toten Athleten nicht in Verges­sen­heit geraten. Obwohl es das war, was das IOC ange­strebt hatte. Jahre danach hielt sich der Ton, dass Israel selbst Schuld an der Geisel­nahme hatte, weil es nicht auf die Anfor­de­rungen der Terro­risten einging.

Anke Spitze wusste von Anfang an, dass man sie nicht vergessen durfte: Ich stand da und sagte mir: Darüber wirst Du nie schweigen. Die Leute müssen erfahren, was Menschen sich antun können. Wenn ich gesagt hätte, okay, ich gehe nach Hause und das war es, hätte ich damit nicht leben können.“ Mit anderen Ange­hö­rigen übte sie Druck auf das IOC aus. Erst 44 Jahre später, bei den Spielen 2016, hat der IOC-Präsi­dent aus Deutsch­land Thomas Bach im Olym­pi­schen Dorf eine Gedenk­feier gehalten.

5. September 2022 in München

Israels Präsi­dent Isaac Herzog besucht mit Bundes­prä­si­dent Stein­meier das Olym­pi­sche Dorf, um den Opfern zu ehren. Bisher hat kein Vertreter der Bundes­re­pu­blik aber Mitschuld an ihren Toden einge­räumt. München hat sich aber bemüht, ihr Gedenken zu bewahren. 2022 wurde einem israe­li­schen Athleten ein Monat gewidmet, sein Leben und seine Leis­tungen werden in den Vorder­grund gestellt.

Es mussten erst Jahr­zehnte vergingen, bis im Olym­pi­schen Dorf an der Connol­ly­straße eine Gedenk­tafel für die Opfer errichtet wurde. Besucher*innen werden diese Tafel sehen können, wo Jahr­zehnte vorher nichts an den 5. September 1972 erin­nerte. Ankie Spit­zers Forde­rungen an ein würdiges Gedenken wurden Jahr­zehnte abge­lehnt, weil die IOC-Präsi­denten meinten, dass die arabi­schen Länder etwas dagegen einwenden würden. Politik sollte sich nicht in die Olym­pi­schen Spiele einmi­schen.

Die zu lockeren Sicher­heits­vor­keh­rungen im Olym­pi­schen Dorf blieben für Jahre ein Kritik­punkt. Bei der Geisel­nahme bot die israe­li­sche Regie­rung an, selber eigene Truppen nach München zu schi­cken, um die Geiseln zu befreien. Deutsch­land lehnte dieses Angebot ab. Die Münchner Polizei war nicht gut ausge­bildet, um die paläs­ti­nen­si­schen Terro­risten alleine zu über­wäl­tigen. Bei dem Versuch, die Geiseln am Flug­hafen Fürs­ten­feld­bruck zu befreien, schoss die Polizei los, ohne genau darauf zu achten, wer Geisel und wer Geisel­nehmer war.

Wie bewahrt man ein würdiges Gedenken an die israe­li­schen Sportler? Ankie Spitzer wusste seit der Ermor­dung ihres Mannes, dass die Welt das nicht vergessen durfte. Bundes­prä­si­dent Stein­meier räumt ein, dass Gedenken an die Opfer zu spät gekommen sei: Dass das 50 Jahre gedauert hat, ist in der Tat beschä­mend. “


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