Das Ende der Gleich­heit?

Datum
09. Mai 2022
Autor*in
Jonas S
Redaktion
politikorange
Themen
#Gesellschaft #Probleme & Lösungen
Wie können wir noch von Fort­schritt spre­chen, wenn nur eine kleine Schicht aus Reichen von ihm profi­tiert? Ein Bericht, ob in Deutsch­land die Ungleich­heit herrscht.

Wer profi­tiert vom Fort­schritt?

Stellen wir uns die Mensch­heits­ge­schichte der letzten hundert Jahre vor. Es genügt ein Blick auf die Entwick­lung der Lebens­er­war­tung, um fest­zu­stellen, dass die Durch­set­zung des Kapi­ta­lismus in einigen Berei­chen eine enorme Aufwer­tung der Lebens­lage mit sich brachte. Während sich in Deutsch­land die Lebens­er­war­tung seit 1880 verdop­pelt hat(1), müssen Arbei­tende heute nur noch halb so viele Stunden pro Woche auf Arbeit verbringen wie vor 140 Jahren(2)(3). Aus diesen Gründen versteht der Histo­riker Rainer Zitel­mann hinter dem Begriff Kapi­ta­lismus” nicht ein ausbeu­te­ri­sches System, sondern eine wahre Erfolgs­ge­schichte der Mensch­heit, die Milli­arden Menschen aus abso­luter Armut befreit hat(4).

Bleibt die Frage, ob man diese durchweg posi­tive Erzäh­lungen so stehen lassen kann, oder ob mit dem wirt­schaft­li­chen Aufwärts­trend eine tief­grei­fende Ungleich­heit zwischen den Menschen und ihren Entfal­tungs­mög­lich­keiten zusam­men­hängt. In jeder Gesell­schaft gibt es arme und reiche Personen, doch wie sieht die Ungleich­heit in Deutsch­land heute aus? Ist sie viel­leicht so stark, dass sie das Gleich­heits­ver­spre­chen der Demo­kratie gefährdet? Mit Ungleich­heit sind vor allem mate­ri­elle Unter­schiede in den Lebens­si­tua­tionen zwischen Menschen gemeint. Sie lässt sich am indi­vi­du­ellen Einkommen und Vermögen messen, aber auch die Wohn­ver­hält­nisse und die Posi­tion im Job sind entschei­dend für die eigene Stel­lung in der Gesellschaft(10).

Vergleicht man das 19. Jahr­hun­dert mit dem 21., fällt die Bilanz zwangs­weise positiv aus. Durch freie wirt­schaft­liche Entfal­tung entstand ein Wohl­stand, von dem eine breite Masse der Bevöl­ke­rung profi­tiert. Vom Auto über den Kühl­schrank bis hin zum Smart­phone, alle diese Produkte wurden mit der Zeit für zuneh­mend mehr Menschen zugäng­lich. Gleich­zeitig entwi­ckelte sich die Idee, dass alle lang­fristig vom Kapi­ta­lismus profi­tieren. Die Unternehmer*innen würden mit ihrer wirt­schaft­li­chen Tätig­keit nicht nur sich selbst berei­chern. Das Verspre­chen war, alle – egal, ob arm oder reich – würden am wach­senden Reichtum teil­haben.

Schaut man sich statt­dessen die Entwick­lung der letzten 70 Jahre an, darf man ein kriti­scheres Urteil fällen. So tun es Ökonom*innen und Ungleichheitsforscher*innen wie Thomas Piketty oder Branko Mila­nović. Sie haben nach­ge­wiesen, dass nicht alle Bevöl­ke­rungs­gruppen gleich stark am wirt­schaft­li­chen Aufstieg profi­tieren. Ihre Unter­su­chungen konzen­trieren sich einer­seits auf die globale Ungleich­heit zwischen verschie­denen Ländern, ande­rer­seits auf die Einkom­mens- und Vermö­gens­ver­tei­lung inner­halb einzelner Staaten. Unge­fähr seit den 1980er Jahren setzt in vielen reichen Ländern eine Ungleich­heits­ent­wick­lung ein, aus der die Reichen deut­lich mehr Profit schlagen können als die Ärmeren.

Die Erfas­sung von Ungleich­heit

Die World Inequa­lity Data­base (WID) – ein welt­weites Forschungs­pro­jekt zur laufenden Erfas­sung der Einkom­mens- und Vermö­gens­ent­wick­lung – zeichnet für Deutsch­land ein unscharfes Bild ab. Zwar stieg über die letzten Jahr­zehnte das natio­nale Durch­schnitts­ein­kommen stark an, sodass theo­re­tisch jede*r Deut­sche vom wirt­schaft­li­chen Wachstum hätte profi­tieren können. Die WID versucht aufzu­schlüs­seln, wer in der Bevöl­ke­rung vom stetigen Wirt­schafts­wachstum wirk­lich profi­tiert. Mit anderen Worten: Glei­chen sich kleine und größere Einkommen anein­ander an und wachsen beide gleich­mäßig mit der Wirt­schafts­leis­tung? Oder verbleiben ärmere Menschen auf ihrem Einkom­mens­stand und ohnehin schon Reiche konzen­trieren nur noch mehr Einnahmen auf sich?

Die übliche Methode besteht darin, das gesamte jähr­liche Einkommen der ganzen Bevöl­ke­rung fest­zu­stellen und dann heraus­zu­finden wie groß der Anteil ist, den die reichsten 10% der Bevöl­ke­rung erhalten: In Deutsch­land lag ihr Anteil bei etwa 29,6%. Als nächstes kann man sich den Anteil der unteren 50% der Bevöl­ke­rung anschauen: Sie bezogen 2018 rund 25,8% des Gesamt­ein­kom­mens. Das heißt also, dass die Schicht der 10% reichsten Deut­schen mehr Einkommen erhält als die gesamte ärmere Hälfte Deutsch­lands zusammen. Die Ungleich­heit – an diesem Verhältnis gemessen – nimmt seit den 1980er Jahren unter großen Schwan­kungen zu, nachdem sie in den Jahr­zehnten davor auf ein histo­risch nied­riges Niveau gefallen ist. Ein noch deut­li­cheres Bild zeigt sich bei der Vertei­lung der Vermögen, also dem Einkommen, das über lange Zeit ange­häuft wurde. In den letzten Jahren besaßen die reichsten 10% der Bevöl­ke­rung 59% des Gesamt­ver­mö­gens. Der Anteil der ärmsten 50% lag bei verschwin­dend geringen 3,4%. (5)

Verschie­dene Wirtschaftswissenschaftler*innen betrachten Ungleich­heit auf verschie­dene Weisen. Für viele ist der soge­nannte Gini-Koef­fi­zient ein entschei­dendes Mittel um Verän­de­rungen der Ungleich­heit fest­zu­stellen. Dieser Indi­kator erfasst alle Einkom­mens­schichten. Er vergleicht den Anteil am Einkommen oder Vermögen der einzelnen Menschen der gesamten Gesell­schaft mitein­ander. Besitzen alle gleich viel, liegt der Gini-Koef­fi­zient bei 0. Je größer die Ungleich­heit, desto größer die Zahl. In der Theorie kann sie bis zu 1 steigen, dann besitzt ein einziger Mensch alles und alle anderen besitzen nichts. In Deutsch­land liegt der Gini-Koef­fi­zient für Einkom­mens­un­gleich­heit zurzeit bei unge­fähr 0,29. Doch bleibt er eine abstrakte Zahl.

Die Wirt­schafts­wis­sen­schaft­lerin Aline Zucco unter­sucht in ihrem Vertei­lungs­be­richt 2020 des Wirt­schafts- und Sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Insti­tuts der Hans-Böckler-Stif­tung die deut­sche Mittel­schicht. Im letzten Jahr­zehnt konnte diese breite Bevöl­ke­rungs­schicht vom Wachstum profi­tieren. Über der Mittel­schicht konnten die Reichen ihre Einkommen deut­lich stärker stei­gern. Schaut man ans untere Ende der Einkom­mens­skala wandelt sich das Bild. Hier befinden sich 2018 die Einkommen der ärmsten 10% gerade einmal wieder auf der Höhe von 2010, nachdem sie zwischen­zeitig einge­bro­chen waren. (11)

Die ungleiche Vertei­lung der Risiken

Diese ganzen Zahlen wirken sehr tech­nisch, doch machen sie eines klar. In Deutsch­land herrscht trotz aller Fort­schritte enorme Ungleich­heit. Und sie verschwindet nicht von allein. Während der Corona-Pandemie verschärfte sich die Situa­tion. Trotz einem Spek­trum an Gegen­maß­nahmen lassen sich große soziale Verwer­fungen nicht verhin­dern. Kurz­ar­bei­ter­geld oder Kinder­geld­bonus halfen alle nicht genug, um größere Teile der deut­schen Bevöl­ke­rung vor dem Absinken in Armut zu bewahren. Der Pari­tä­ti­sche Wohl­stands­ver­band verkün­dete Ende 2021 den trau­rigen Stand der Lage: 2020 befanden sich ganze 16.1% der Deut­schen in Armut. 2012 waren es noch 15,0%. (6)

Laut Aline Zucco sind durch die Corona-Krise und vor allem die Ukraine-Krise sogar tradi­tio­nell gut abge­si­cherte Menschen der Mittel­schicht, wie Beschäf­tigte der Indus­trie, einer Abstiegs­ge­fahr ausge­setzt. Außerdem gibt es große Lücken im Sozi­al­system, wodurch einige Gruppen nur sehr unzu­rei­chend vor Jobver­lust und wirt­schaft­li­chen Einschnitten geschützt sind. Zum Beispiel werden Selbst­stän­dige kaum von der Sozi­al­ver­si­che­rung abge­deckt. Zucco glaubt, dass Personen am oberen Einkom­mens­be­reich ganz gut wissen, wie sie ihre Risiken durch die Krise abfe­dern können. Während die unteren und mitt­leren Einkom­mens­be­reiche durch die stei­genden Ener­gie­preise sehr stark betroffen sind.“ Mit den jetzigen Krisen werde die soziale Ungleich­heit wohl erst einmal stark steigen. Es komme dann auf die Politik an, nach­haltig für eine Umver­tei­lung zu sorgen, die allen Schichten dabei hilft, kommende Krisen durch­zu­stehen.

Mit Blick auf die aktu­elle Verteue­rung bei Öl und Gas, sowie bei Lebens­mit­teln werden ärmere Haus­halte stärker belastet. Wer wenig hat, den stößt jede Preis­stei­ge­rung einen Schritt näher ans Exis­tenz­mi­nimum. Erst mit den – für alle erkennbar dras­ti­schen – Preis­sprüngen an der Zapf­säule reagiert die Bundes­re­gie­rung mit einem Entlas­tungs­paket für fast alle Bevöl­ke­rungs­gruppen. Ange­sichts dieser Reak­tion fällt eines auf: Es handelt sich um einma­lige Maßnahmen zur Beru­hi­gung der jetzigen Situa­tion. Aller­dings bleiben die anhal­tende soziale Ungleich­heit und der Armuts­trend im Kern unan­ge­fochten. Sie verpasst es, ein sozi­al­po­li­ti­sches Programm auf den Weg zu bringen, welches die Ungleich­heits­be­we­gung aufhält. Eine Ausnahme bildet die kommende Mindest­lohn­er­hö­hung auf 12 Euro, die lang­fristig die unteren Löhne anheben wird.

Was Armut und Reichtum in einem Land wie Deutsch­land für Unter­schied­lich­keiten in den Lebens­rea­li­täten bedeutet, sollte die Bundes­re­gie­rung wissen. Zumin­dest, wenn sie den haus­ei­genen Armuts- und Reich­tums­be­richt des Bundes­mi­nis­te­riums für Arbeit und Soziales von 2020 betrachtet. Mithilfe der Statistik wird klar, was alles mit nied­rigem Einkommen einher­geht: Menschen mit weniger Einkommen können sich häufiger die als üblich geltenden Güter wie eine Wasch­ma­schine oder die Heiz­kosten nicht leisten. Sie haben weniger Wohn­fläche pro Kopf zur Verfü­gung. Sie leiden öfters unter Lärm und Luft­ver­schmut­zung, einem schlech­teren Gesund­heits­zu­stand, sowie fehlenden sozialen Kontakt. (7)

Auf der anderen Seite befinden sich die Super­rei­chen. Seitdem die Pandemie begonnen hat, haben die zehn reichsten Personen Deutsch­lands ihr Vermögen um 78% gestei­gert. Sie besitzen jetzt 256 Milli­arden US-Dollar. (8) Wie die Zahlen verdeut­li­chen, herr­schen inner­halb der deut­schen Gesell­schaft Lebens­um­stände, die sich mehr und mehr vonein­ander unter­scheiden. Während die einen, jeden noch so schlecht bezahlten Job annehmen, um über die Runden zu kommen, wissen die anderen nicht wohin mit ihrem Geld. Nicht zu vergessen ist, dass zwischen den beiden Extremen eine große Mittel­schicht exis­tiert. Sie hat zwar eine gute wirt­schaft­liche Posi­tion, doch ist unsi­cher, ob sie ihre relativ stabile Lage lang­fristig halten kann, oder ob sie von der Ungleich­heit ausein­an­der­ge­rissen wird.

Der Kapi­ta­lismus des 20. Jahr­hun­derts sorgte für tief­grei­fende tech­ni­sche Erneue­rungen, die unser Leben einfa­cher und reicher machen. Es kommt aber nicht nur auf den entstan­denen abso­luten Wohl­stand an. Wenn sich in den Händen weniger Menschen immer mehr Geld konzen­triert, kann die demo­kra­ti­sche Idee von Gleich­heit ins Wanken geraten. Denn mit einer Menge Geld geht eine Menge Einfluss und Macht einher. Auf der anderen Seite können weite Teile der Gesell­schaft an Einfluss verlieren, während sie sich zuerst um ihr wirt­schaft­li­ches Über­leben sorgen muss, bevor sie sich poli­tisch orga­ni­sieren kann. Bei der sich derzeitig verfes­ti­genden Ungleich­heit und untä­tigen Politik, leidet nicht nur die vernach­läs­sigte Unter­schicht. Selbst für große Teile der Mittel­schicht scheint das Aufstiegs­ver­spre­chen des Kapi­ta­lismus zum zerplat­zenden Traum zu werden.

Quellen:

1 https://​www​.destatis​.de/​D​E​/​P​r​e​s​s​e​/​P​r​e​s​s​e​m​i​t​t​e​i​l​u​n​g​e​n​/​2021​/​07​/​P​D​21​_​331​_​12621​.html

2 https://​www​.dgb​.de/​+​+​c​o​+​+​365​a​306​a​-​a​7​a​6​-​11​e​9​-​96​a​8​-​52540088cada

3 https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Qualitaet-Arbeit/Dimension‑3/woechentliche-arbeitszeitl.html

4 https://​www​.welt​.de/​d​e​b​a​t​t​e​/​k​o​m​m​e​n​t​a​r​e​/​a​r​t​i​c​l​e​237725205​/​M​a​r​k​t​w​i​r​t​s​c​h​a​f​t​-​W​i​r​-​s​o​l​l​t​e​n​-​s​t​o​l​z​-​a​u​f​-​d​a​s​-​W​o​r​t​-​K​a​p​i​t​a​l​i​s​m​u​s​-​s​e​i​n​.html

5 https://wid.world/country/germany/

6 https://​www​.der​-pari​tae​ti​sche​.de/​t​h​e​m​e​n​/​s​o​z​i​a​l​p​o​l​i​t​i​k​-​a​r​b​e​i​t​-​u​n​d​-​e​u​r​o​p​a​/​a​r​m​u​t​-​u​n​d​-​g​r​u​n​d​s​i​c​h​e​r​u​n​g​/​a​r​m​u​t​s​b​e​r​icht/

7 https://​www​.armuts​-und​-reich​tums​be​richt​.de/​D​E​/​S​t​a​r​t​s​e​i​t​e​/​s​t​a​r​t​.html

8 https://​www​.oxfam​.de/​u​e​b​e​r​-​u​n​s​/​p​u​b​l​i​k​a​t​i​o​n​e​n​/​g​e​w​a​l​t​i​g​e​-​u​n​g​l​e​i​c​h​h​e​i​t​-​f​e​h​l​e​r​-​l​i​e​g​t​-​s​ystem

10 https://​www​.zeit​.de/​w​i​r​t​s​c​h​a​f​t​/2021 – 02/so­ziale-ungleich­heit-armut-reichtum-schichten-rechner-studie-deutsch­land

11 https://​www​.wsi​.de/​f​p​d​f​/​H​B​S​-​008182​/​p​_​w​s​i​_​r​e​p​o​r​t​_​69​_​2021.pdf


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