In die Sonne schauen – ein Film, den wir aushalten sollten

Datum
15. Juli 2026
Autor*in
Alma Jung
Redaktion
politikorange
Thema
#Gesellschaft
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Neue Visionen Filmverleih GmbH

Der Film In die Sonne schauen“ erzählt vermeint­lich unzu­sam­men­hän­gende Geschichten. Ob wir ihn zu verstehen glauben, hat auch etwas mit unserer eigenen Fami­li­en­ge­schichten zu tun.

Ich hab den Film nicht verstanden“, sagt meine Freundin, mit der ich In die Sonne schauen“ gesehen habe. Ich bin mir nicht sicher, ob man den Film verstehen kann. Er berührt dich, lässt sich aber nicht logisch analy­sieren und durch­bli­cken. Er ist ein Ringen um die Blicke selbst.

Vier Zeit­zonen inner­halb des 20. Jahr­hun­derts. Vier Erzähl­stimmen aus dem Off. Erika, die 1940 den vom Krieg wieder­ge­kehrten Onkel mit seinem verlo­renen Bein pflegt, sich ihm mit einer hilf­losen Obses­sion widmet und sich selbst ihr Bein hoch schnürt, um es nach­zu­fühlen. Die sechs­jäh­rige Alma, die 1910 beim Gedenken der Fami­li­en­toten auf einem Foto zum ersten Mal die Leiche ihrer kränk­li­chen, sieben­jäh­rigen Schwester sieht, nach der sie benannt wurde. Ange­lika, die in den 1980er Jahren in der DDR den Fami­li­en­ver­hält­nissen entkommen will, den Berüh­rungen ihres Onkels, den Blicken der Männer und dem Wegsehen ihrer Mutter. Und Nelly, die sich in der Jetzt­zeit tot imagi­niert und wünscht, ihre Mutter wäre tot, um wie ihre Freundin oder einfach irgend­je­mand anderes mit einer anderen Lebens­ge­schichte zu sein. 

Sie alle haben gemeinsam, dass sich ihr Leben auf demselben Hof in der Altmark abspielt. Doch wer versucht, Verbin­dungen herzu­stellen, schei­tert. Die Stimmen aus dem Off beschreiben Erzäh­lungen und Erin­ne­rungen von Figuren, die nicht wissen, warum sie sich daran erin­nern. Die Spuren der deut­schen Geschichte werden uns an den Leben anderer gezeigt. Armut, Krieg und patri­ar­chale Gewalt über Jahr­zehnte, ohne dass die Figuren unter­schied­li­cher Jahr­gänge mitein­ander verwandt sind. Was zunächst verständ­li­cher und anschau­li­cher scheint, wäre unpas­send gewesen. Zu plakativ, nur auf eine Familie begrenzt. Natür­lich werden Trau­mata auch durch epige­ne­ti­sche DNA-Verän­de­rungen weiter­ge­geben, aber die scho­nungs­losen und schwie­rigen Momente müssen auch als Phänomen einer ganzen Gesell­schaft gesehen werden. Denn es braucht mehr als die Einzel­fall-Tragik im Diskurs über Trau­mata, wenn wir mit ihnen gesamt­ge­sell­schaft­lich leben.

Warum wir den Film fühlen

Maria Schi­linski, die in Cannes für den Film ausge­zeichnet wurde, sagt in einem Inter­view, sie habe Foto­gra­fien als Refe­renz genutzt, unter anderem von Fran­cesca Woodman. Woodman insze­nierte vor ihrem Suizid die Vergäng­lichkei ihres eigenen Körpers mit Fotos. Die Regis­seurin, Schi­linski, beschreibt den Schaf­fens­pro­zess von In die Sonne schauen“ als Ergebnis von Asso­zia­tionen und unsicht­baren Themen. Geheim­nisse, die mit ins Grab genommen werden, und die Körper­lich­keit von Kontroll­ver­lust. 

Der Film spricht an, was viele von uns auch in sich tragen. Während meine Freundin keine deut­schen Vorfahren hat, scheint es mir genau das zu sein, was Menschen an In die Sonne schauen“ fesselt. Der Hof in der Altmark, der Mascha Schi­linski als Erst­in­spi­ra­tion und später auch als Dreh­ku­lisse diente, erin­nerte mich stark an das alte Gehöft meiner Familie, mit den glei­chen Öfen, Toren, Türklinken und Möbeln. Die gleiche Geschichte? 

Während das Unsicht­bare ohne persön­li­chen, fami­liären Kontakt im Film weiter­ge­geben wird, ist das einzig Bestän­dige der Hof, der das Leben und Leiden aller Protagonist*innen mitein­ander verknüpft. Es macht etwas mit mir, wenn die eigene Familie vor der Flucht vor sowje­ti­schen Soldaten berichtet, von der Todes­angst und Verge­wal­ti­gungen und ich dann Erika und ihre Schwes­tern sich mit Steinen in Ruck­sä­cken im Fluss ertränken sehe. 

Diese Spezi­fität, die gleich­zeitig mit unsi­cheren Rück­schlüssen und offenen Fragen kommt, erin­nert an die Fragen, die unaus­ge­spro­chen bleiben, wenn man zu seiner eigenen Fami­li­en­ge­schichte forscht. Wir imagi­nieren die Figuren als Platz­halter für Bekannte. (Die gekno­teten Haare und schwarzen, langen Kleider der Frauen im Film haben mich an die älteren Foto­gra­fien erin­nert, die in der Stube meiner Urgroß­mutter hängen, einem Raum voll von altem Porzellan und Stühlen, auf denen auch Alma und ihre Schwes­tern 1910 hätten sitzen können.)

Was wir schon immer wegge­lä­chelt haben

Über bestimmte Dinge haben viele Fami­lien nie gespro­chen oder die Vergan­gen­heit wurde schön­ge­redet. Zum Beispiel, dass in der DDR Frauen wie Männer gleich­ge­stellt waren, weil alle mit ange­packt hätten. Was aber auch passiert ist: Ange­lika beschreibt als Prot­ago­nistin, wie ihr Onkel sie als Schwimm­trainer dauer­haft ansieht. Sie tut so, als würde sie den Blick nicht sehen; beob­achtet dieje­nigen, die sie beob­achten. Patri­ar­chale Muster und sexua­li­sierte Gewalt gegen Frauen können mit glei­cher (oder ähnli­cher) Arbeits­last oder Lohn koexis­tieren. Auch die junge Nelly, die in der insze­nierten Gegen­wart eine zeit­fremde Schwere einholt, windet sich unter dem Blick eines Fami­li­en­freundes.

Ange­lika ist abhängig von ihrem Onkel, nähert sich ihm an, damit er sie mit seinem Auto fährt, weil sie ohne ihn nicht in die Stadt kommt. Auch wenn keine expli­ziten Bilder zu sehen sind, ahnt das Publikum viele unaus­ge­spro­chene Momente durch beiläu­fige Kommen­tare. Weiß doch jeder, dass du dich von ihm knallen lässt“, sagt ihr Cousin, als sie dessen Annä­he­rungs­ver­suche abwehrt. Wie lange kann man glück­lich spielen, ohne dass es jemand merkt, fragt Ange­lika aus dem Off. 

Weißes Licht an brauner Decke.

Weißes Licht an brauner Decke.

Gryffyn M. / Unsplash

Ein Blick als Stil­mittel

Würde das Setting des Films ausschließ­lich eine Zeit­zone umfassen, beson­ders wenn es die Gegen­wart wäre, würden wir dem Cast viel­leicht Depres­sionen attes­tieren. Wir würden womög­lich an die Quater­life-Crisis von Mille­nials denken und das Leid indi­vi­dua­li­sieren. So erfahren wir nun aller­dings die Patho­logie der patri­ar­cha­li­schen Vergan­gen­heit, die eine lange Geschichte hat, am eigenen Leib durch Bilder, die wir aushalten müssen. 

Die Kamera spielt mit der vierten Wand, dem Bruch mit der goldenen Regel, niemals Blick­kon­takt herzu­stellen. Gerade während die jungen Figuren Grau­sam­keiten durch Schlüs­sel­lö­cher und Türspalte mitbe­kommen, verweilt ihr Blick am Ende im Publikum. Das prägt die Szenen als Mischung aus schlechter Vorah­nung und Befürch­tung, mit der wir wie bei einem Auto­un­fall Alma zusehen, die beob­achtet, wie ihr ältester Bruder von der eigenen Familie durch Gewalt wehr­un­fähig gemacht wird. 

Wir wollen das Kind davon abschirmen, wie ihre Schwes­tern, die rufen, sie solle den ringenden Erwach­senen nicht in die Scheune folgen. Wir wollen ihr die Augen zuhalten. Viel­leicht, weil es unsere Intui­tion ist, das unschul­dige Mädchen vor dem Leid zu bewahren. Viel­leicht, weil uns unsere Urgroß­el­tern von genau solchen Geschichten erzählen, die immer weit weg und halb ausge­dacht wirkten, als wir im selben Alter waren. Doch der Blick direkt in die Kamera danach ist das eigent­liche Marken­zei­chen, das es schließ­lich auch auf das Cover des Films schafft. Er lässt beim Zuschau­enden ein Gefühl von Schuld zurück, während er keinerlei Vorwürfe macht, nur schaut.

Das war halt damals so

In die Sonne schauen“ ist buch­stäb­lich unan­ge­nehm, auch wenn es keine Doku­men­ta­tion, sondern eine fiktive Erzäh­lung ist. Ein Blick in die deut­sche Geschichte ist nicht schön, in die eigene Geschichte noch weniger. Das Mitleid und die Erleich­te­rung, heute aufzu­wachsen, wird gleich­zeitig als Fehl­schluss enttarnt. Nicht nur, dass Nelly auf eine Art so ähnlich leidet wie alle anderen, auch die allge­gen­wär­tige Atti­tüde der Mutter­fi­guren spricht Bände. So betont Ange­likas Mutter nach einem Fami­li­en­fest mehr zu sich selbst, es sei doch ein wunder­barer Tag gewesen: Alle seien satt geworden, sie hätte lange nicht mehr so gelacht. Ange­lika erzählt aus dem Off, Mutti“ würde immer nur krampf­haft lachen, wenn etwas Schlimmes passiere. Dass sie ihren eigenen Körper dann nicht unter Kontrolle hat und sich dafür schämt. 

Und auch als Almas Mutter plötz­lich nicht mehr laufen kann, obwohl der Arzt keine Ursache fest­stellt, liegt sie mit verzerrtem Lachen auf dem Zimmer­boden, verzwei­felt, sich aufzu­raffen. Wir kennen das mitunter von unseren Groß­el­tern. Das Erzwingen von Fröh­lich­keit, die Eigen­in­sze­nie­rung von Spaß und Glück durch genug Essen und eine Verlo­ren­heit oder Unver­ständnis, wenn es sich nicht glück­lich anfühlt.

Die Spuren der eigenen und der fremden Kind­heiten ziehen sich bis ins Jetzt und die Mutter­fi­guren zeichnen sich dadurch aus, dass sie den Schein und das leere Gehäuse einer glück­li­chen Familie zusam­men­halten wollen. 

Wie das Leid weiter­lebt

Man könnte meinen, Männer kämen in dem Film nicht beson­ders gut weg. Viele Film­kri­tiker (die man hier unge­gen­dert lassen kann) beschrieben auf YouTube oder in Feuil­leton-Arti­keln, dass sie der Film nicht gecatcht habe oder ihnen der Zugang fehle. Aber viel­leicht sollten wir alle ihn genau deshalb sehen. Gezeigt werden nämlich auf allen Seiten verletzte und gebro­chene Charak­tere. Dass viele Soldaten mit Trau­mata aus beiden Welt­kriegen wie verän­dert in die Fami­lien zurück­kehren und selbst gewalt­tätig wurden, ist keine Neuig­keit. Dass aber die Leid­tra­genden dieser Gewalt nicht das Ende der Kette sind, bedarf mögli­cher­weise einer Erin­ne­rung.


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