Nur selten schweift der Blick der Menschen in Mecklenburg-Vorpommern hinauf zu den Laternenpfählen, doch in den vergangenen Wochen sollte dies häufiger vorgekommen sein. Dort sind die Gesichter und Wahlslogans der verschiedenen Parteien angebracht – von der Partei Die Linke bis zur CDU sind alle wiederzufinden.
Christian Pfeiffer, Politikwissenschaftler aus Rostock, erläutert, wie stark die Zielsetzung in den Wahlslogans zur Geltung komme: „Im Fokus steht immer mehr die Oberflächlichkeit, es wird kaum noch auf den Inhalt geguckt.“ Besonders auffällig sei auch, dass bei der aktuellen Landtagswahl in MV die Wahlplakate mit weniger Text, dafür aber mehr mit Bildern und Persönlichkeiten geschmückt sind. Identitäten rücken nun mehr in den Fokus der Wahlwerbung – mit Wahlslogans wie „Die Frau gegen blau“ oder „Team Manu“ setzte die SPD dies konkret um.
Wahlplakate im Wandel der Digitalisierung
Trotzdem bewertet Pfeiffer die Effektivität der Wahlplakate als gleichbleibend. Jedoch beobachtet er eine Entwicklung: „Die Wahlplakate sehen immer mehr aus wie Kacheln, was stark an einer Art ‚Social-Media-Mediatisierung ‘ des analogen Raums liegen könnte. “ Generell lässt sich bei vielen Parteien eine steigende Präsenz zur Wahlwerbung über Social-Media-Plattformen wie TikTok oder Instagram erkennen. Frans Hübner von der Partei Die Linke und Listenkandidat für Rügen erklärt: „Du musst halt dahin gehen, wo die Leute sind.“ Auch Sebastian Hüller, Listenkandidat für die Grünen in Schwerin, ist der Meinung, dass die Menschen sich zunehmend über Social-Media zu den Parteiinhalten informieren. Dies könnte unter anderem ein Grund dafür sein, warum der Politiker einen Tag vor der Wahl auf einen 24-Stunden-Livestream setzte.
Mit der Digitalisierung der Wahlwerbung kann man auch verstärkt den Trend zur Nutzung von künstlicher Intelligenz auf Wahlplakaten beobachten. Zu der Frage, ob KI im Wahlkampf eingesetzt werden würde, antwortet Hübner und Brian Kipke, Listenkandidat für die FDP, sehr gegensätzlich. Kipke benutze zusammen mit seiner Partei KI für die Wahlkampfwerbung, beispielsweise auf Social-Media für die Bilderstellungen. Er stellt jedoch klar: „Ich benutze niemals KI ohne entsprechende Kennzeichnung.“ Hübner stelle sich mit seiner Partei Die Linke klar gegen die Nutzung von KI für die Wahlkampfwerbung.
Wahlslogans unter der Lupe – sprechen sie MV wirklich an?
Doch welche Themen reizen die Menschen in MV wohl aktuell am meisten und verstehen die Parteien ihr Bundesland auch so gut, sodass die Wahlwerbung für die Wähler überzeugend wirkt? Frans Hübner von den Linken meint: „Ohne soziale Sachen funktioniert in MV nichts. Auf Rügen geht’s ohne soziale Gelder und Infrastruktur nicht voran.“ Kipke vertritt die Ansicht, dass die Ziele auf den Wahlslogans seiner Partei leicht umsetzbar wären. Er stellt „Bildung als wichtigstes Thema“ in den Fokus, doch Wahlplakate von der FDP gebe es dazu keine. Laut Kipke liege es an den Meinungen der anderen Kollegen, deren Themenvorschläge stärker zur Priorität wurden als seine.
„Bus? – Muss!“ oder „Bahn? – Ausbau!“ hat bestimmt jeder schon mal in MV gelesen, wenn man an den Wahlplakaten der Grünen vorbeispaziert. Sebastian Hüller erklärt, was hinter der „Zwei-Wort-Kampagne“ steckt: „Es bleibt hängen. Das war eine Designentscheidung, wo wir ganz klar gesagt haben: ‚Das ziehen wir durch!‘“ Hüller habe das damalige „Problem“ der Wahlkampfwerbung der Grünen erkannt: „Wir reden viel zu lang und zu kompliziert, auch auf Wahlplakaten und das haben wir dieses Mal radikal abgeändert.“ Selbst Kipke aus der FDP erwidert, dass die „Zwei-Wort-Kampagne“ eine sehr gute Idee von den Grünen sei und würde sie sogar als überzeugend einstufen.
Dennoch hinterlässt die Wahlwerbung bei den Betrachtern Gefühle: Beschmierte, abgerissene oder weggeworfene Plakate sieht man öfter in den Straßen von MV. Frans Hübner aus der Linken berichtet über den Frust, der entsteht, wenn Plakate beschmiert oder zerstört werden: „Es steckt viel Aufwand und Arbeit hinter der Wahlwerbung.“ Deswegen wolle er seine Wähler und auch keine anderen Menschen dazu animieren gegnerische Parteiplakate zu beschädigen. Jedoch versteht der Politiker der Linken auch das Motiv hinter der Tat, zumindest wenn es um Sachbeschädigung bei AFD-Wahlplakaten geht: „Die Menschen werden radikaler, um gegen den Faschismus anzukämpfen.“
