Jede der anderen Parteien aus dem aktuellen Landtag Mecklenburg-Vorpommerns wäre bestürzt gewesen, doch für die Grüne ist das Ergebnis von 5,7 Prozent Grund zur Freude. Wenn sie ins Parlament einziehen, werden sie sehr wahrscheinlich auch Teil der nächsten Landesregierung. Wie konnten sie das schaffen?
Es ist der Sonntagabend der Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern, kurz vor 18 Uhr und die letzten Wahllokale schließen gerade. Währenddessen tummeln sich auf der Wahlparty von Bündnis 90/die Grünen die Menschen in einem hellen länglichen Raum, der sonst als Café genutzt wird. Doch hier wird jetzt Apfelsaft und Prosecco getrunken und die Anwesenden stehen dicht an dicht vor der provisorischen Bühne, der Moderator des dort laufenden Live-Streams kündigt gerade erste Prognosen für den Abend an. Die Parteispitze steht Arm in Arm, einige der Anwesenden halten sich an den Händen, langsam verstummt das Gemurmel und in diesem Moment kleben alle Augen auf dem Bildschirm. Da verkündet eine Stimme: „Und die Grünen…“ Der Rest ist nicht mehr verständlich. Beim Anblick des neuen Balkens auf der Grafik jubeln die Parteimitglieder auf. Nach den ersten Hochrechnungen erzielen die Grünen ein Ergebnis von 5,5 Prozent, für sie: ein Grund zum Aufatmen.
Obwohl es die Partei in dieser Form bereits seit 1993 im MV gibt, gelang ihr erst zwei Mal der Einzug ins Landesparlament: 2011 und 2021. Dass die Grünen aktuell im Schweriner Landtag vertreten sind, möchten sie fortsetzen und so war das Überschreiten der Fünf-Prozent-Hürde auch dieses Mal für sie wichtig. „Das Etappenziel für uns Grüne hier in MV ist es, in den Landtag reinzukommen, das nächste Ziel ist es, das auszubauen“, sagt Sebastian Hüller. Der 26-jährige Listenkandidat der Grünen trägt zu dem besonderen Anlass am Wahlabend Hemd und Anzughose und scheint kein einziges Mal still zu stehen. Bekannt ist er vor allem wegen seiner Präsenz in den Sozialen Medien: Dort postet er Videos von Wahlkampf-Aktionen, wie sich selbst auf einem Techno-Fahrrad oder auf Videospiel-Turnieren. Die Zielgruppe: immer primär junge Menschen.
Trotz der Bemühungen im Wahlkampf lag die Grüne in den Umfragen vor der Wahl nur sehr knapp über den magischen fünf Prozent. Aber auch trotz der traditionell niedrigen Ergebnisse findet Hüller, er habe sich für die richtige Partei entschieden. Im Gespräch sagt er: „Die SPD war mir einfach zu mächtig. Das fand ich ein bisschen dröge.“ Er wolle auch auf etwas hinarbeiten, denn: „Hier in MV ist es ja als Grüner so ein bisschen Selbstgreißlung. Das macht auch Spaß, da hat man noch Konfrontation und Kontakt und da kann man für was kämpfen.“ So ist er also auch gerade wegen der weniger populären Position in die Partei eingetreten.
Laut der Bundeszentrale für politische Bildung haben die Mitglieder der Grünen von allen Parteien des Landtags den niedrigsten Altersdurchschnitt. Das spiegelt sich auch in den Anwesenden auf der Wahlparty wider: Es sind mehr Köpfe mit blau-gefärbten Haaren zu sehen als solche mit weißen. Ihre Inhalte sind auch klar danach ausgerichtet. Neben der prozentualen Verringerung der AfD, dem Einsatz für Klima und Nachbarschaftlichkeit stünde die Jugend ganz vorne mit auf dem Parteiprogramm, so Hüller weiter.
Eine Analyse der Forschungsgruppe Wahlen zeigt, dass diese Zielgruppe auch erreicht wurde: Die meisten Wähler der Grünen sind unter 30 und unter 44 Jahre alt. Politikwissenschaftler Christian Pfeiffer der Universität Rostock verortet die Wahlergebnisse aber auch an anderen Punkten: „Die Grünen haben Inhalts-Wahlkampf gemacht, die Linken haben versucht Inhalts-Wahlkampf zu machen, die SPD hat das ja auch ein bisschen versucht, aber am Ende ging es da vor allem um das Oberflächliche, also, wie sympathisch man wen findet.“
So habe insbesondere die SPD den Wahlkampf um ihre Spitzenkandidatin genutzt. Pfeiffer ergänzt: „Die Grünen haben von Manuela Schwesig profitiert.“ Vorher rief sogar die Spitzenkandidatin der Grünen Claudia Müller: „Wer Schwesig will, wählt Grün!“ Auch die Organisation Campact habe zum Überschreiten der 5‑Prozent-Hürde beigetragen, so Pfeiffer weiter. Kurz vor der Wahl hat sie dazu aufgerufen, die Zweitstimmen taktisch für die Grüne abzugeben, um so eine rot-rot-grüne Regierung zu ermöglichen. Haarscharf hat es damit die Grüne nicht nur in den nächsten Landtag, sondern auch in die nächste Regierung geschafft. „Ich freue mich total auf die Zusammenarbeit mit Linken und der SPD“, sagt auch Sebastian Hüller. „Man ist eigentlich quasi auf der gleichen Linie.“
Um 19:30 Uhr verlassen bereits die ersten Gäste die Wahlparty der Grünen, doch für die meisten ist der Abend noch nicht vorbei: Alle gewonnenen 0,1 Prozentpunkte, aber auch alle stabilen Werte nach neuen Aktualisierungen werden mit Applaus und Jubel gefeiert und es sammelt sich noch immer ein Grüppchen vor der Bühne. So wartet man weiter, bis schließlich kurz nach acht Uhr Claudia Müller, die Grünen-Spitzenkandidatin, die Bühne zum zweiten Mal am Abend betritt. Nach ihrem minutenlangen Begrüßungsapplaus mahnt sie: Sie möchte den Wahlsieg nicht vorzeitig feiern. Dennoch ist sie sich inzwischen sicher: Die Grünen sind im Landtag. Sie feiern heute einen Erfolg.
