Wie die moderne Neuroforschung versucht, das menschliche Gehirn zu verstehen.
Ein Affe sitzt in einem Raum. An seinem Kopf messen Sensoren elektrische Aktivitäten, die entstehen, wenn Nervenzellen Informationen weitergeben. Im Nachbarraum beginnt ein Roboterarm sich zu bewegen. Kein Mensch steuert ihn. Es sind die Signale aus dem Affengehirn, übersetzt in Bewegungen.
Bei Dr. Udo Kraushaar, Leiter der Elektrophysiologie-Gruppe am NMI Naturwissenschaftliches und Medizinisches Institut an der Universität Tübingen, löste dieses wissenschaftliche Experiment Faszination aus. Kennengelernt hatte er es während seines Biologiestudiums. Die daraus resultierende Vorstellung, dass Gedanken, Bewegungen und Entscheidungen auf messbaren biologischen Prozessen beruhen, beeindruckte ihn. Damals, im Biologiestudium, beschäftigte ihn die Frage, die ihn bis heute begleitet: Wie funktioniert das menschliche Gehirn eigentlich?
An kaum einem Organ wird so viel geforscht – und gleichzeitig so wenig verstanden – wie am menschlichen Gehirn. Während Menschen Gene entschlüsseln, Organe transplantieren und künstliche Intelligenzen entwickeln können, bleibt die zentrale Schaltstelle unseres Denkens voller Rätsel. „Das Faszinierende und Frustrierende am Gehirn ist seine enorme Komplexität“, sagt Kraushaar.
Das Gehirn im Modell
Die Frage lautet deshalb nicht nur: Wie funktioniert das Gehirn? Die Frage lautet auch, wie ein so komplexes Organ überhaupt erforscht werden kann. Genau hier setzen moderne Zellmodelle an.
In Laboren wachsen kleine Verbände aus Nervenzellen, die außerhalb eines Körpers überleben und miteinander kommunizieren. Um ein solches Zellmodell zu entwickeln, werden sogenannte Stammzellen benötigt. Sie können beispielsweise aus Haut- oder Blutzellen gewonnen werden, die im Labor in einen stammzellähnlichen Zustand zurückprogrammiert werden. Diese Zellen sind Ausgangszellen, aus denen verschiedene Zelltypen mit spezifischen Aufgaben gezüchtet werden können. Beispielsweise können sich die Stammzellen in Herzzellen entwickeln, die wie im Herzen schlagen oder Nervenzellen, die im Gehirn Signale weiterleiten.
Wenn Nervenzellen zu sprechen beginnen
Haben Forschende die Stammzellen dazu gebracht, sich in Nervenzellen zu differenzieren, bilden die Zellen ein Netzwerk und beginnen durch elektrische Signale miteinander zu kommunizieren, ähnlich wie die Nervenzellen im Gehirn. Um diese Kommunikation sichtbar zu machen, setzen Wissenschaftler winzige Sensoren ein. Man kann sie sich wie empfindliche Mikrofone vorstellen, die den elektrischen „Gesprächen“ der Nervenzellen zuhören. So können Forschende beobachten, wie sich Netzwerke bilden und Zellen auf Reize reagieren.
Zwischen Modell und Wirklichkeit
Doch wie nah kommen solche Zellmodelle dem echten Gehirn? Die Antwort von Kraushaar fällt überraschend deutlich aus: „Gar nicht.“ Zumindest nicht, wenn man das Gehirn als Ganzes betrachtet. Denn das menschliche Gehirn besteht aus unterschiedlichen Gehirnregionen, rund 86 Milliarden Nervenzellen und etwa ebenso vielen anderen Zelltypen mit ganz unterschiedlichen Aufgaben. Von der Versorgung der Nervenzellen mit Nährstoffen, über das Bestärken oder Ausbremsen der Kommunikation zwischen den Zellen bis hin zur Immunabwehr. Das Gehirn ist also weit mehr als ein Netzwerk aus Zellen, das Informationen weiterleitet. Es gleicht eher einer lebendigen Stadt, in der Milliarden Prozesse gleichzeitig ablaufen, sich gegenseitig beeinflussen und durch Erfahrungen und Umwelteinflüsse fortlaufend verändern.
Ein Zellmodell im Labor kann diese Komplexität nicht vollständig nachbilden. Statt ein vollständiges Gehirn zu rekonstruieren, versuchen Forschende einzelne biologische Prozesse isoliert zu untersuchen – ähnlich wie ein Mechaniker einen Motor auseinanderbaut, um zu verstehen, warum er nicht mehr funktioniert.
Gerade darin liegt der Wert solcher Modelle. Während im menschlichen Gehirn Milliarden Nervenzellen gleichzeitig Signale austauschen, können Forschende im Labor einzelne Prozesse gezielt beobachten. Die Modelle vereinfachen die Realität. Doch genau deshalb machen sie Zusammenhänge sichtbar, die im komplexen Gesamtsystem des Gehirns verborgen bleiben würden.
Als Student beobachtete Kraushaar, wie Signale aus einem Affengehirn einen Roboterarm bewegten. Jahrzehnte später versucht er noch immer, dieselbe Sprache zu entschlüsseln – allerdings nicht im Gehirn eines Affen, sondern in Zellkulturen im Labor.
Und tatsächlich kommunizieren die Nervenzellen dort miteinander.
„Ja, auf jeden Fall. Die reden miteinander“, sagt Kraushaar.
Die große Frage ist dabei jedoch unverändert geblieben: Wie entsteht aus Milliarden elektrischer Signale das, was wir Denken nennen?
Die Antwort kennt bis heute niemand.
