Sprit­preise steigen, Zweifel wachsen: Wie wirksam sind Tankra­batt und Entlas­tungs­prämie?

Datum
04. Mai 2026
Autor*in
Clemens Christian
Redaktion
politikorange
Thema
#Wirtschaft
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Foto: Jugendpresse Deutschland e.V. / Clemens Christian

Eine schwä­chelnde Welt­wirt­schaft und stei­gende Sprit­preise infolge des US-Angriffs auf den Iran belasten Verbraucher*innen und Unter­nehmen spürbar. Die Bundes­re­gie­rung reagiert mit Tankra­batt und Entlas­tungs­prämie. Expert*innen zwei­feln aber an der Wirkung dieser Maßnahmen. Welche Instru­mente helfen wirk­lich, und wer soll die Kosten der Krise tragen?

Der von den USA ange­führte Angriffs­krieg gegen den Iran trifft die Welt­wirt­schaft hart, auch Deutsch­land bleibt dabei von den Folgen nicht verschont.
Seit Beginn der ameri­ka­nisch-israe­li­schen Angriffe sind die Preise an deut­schen Tank­stellen stark gestiegen. Beson­ders deut­lich zeigt sich das bei den Diesel­preisen: Inner­halb eines Monats stiegen die Diesel­preise von 1,83 € auf 2,46 € pro Liter. Bei Benzin war die Entwick­lung ähnlich.

Auf diesen Preis­schock reagierte die Bundes­re­gie­rung zunächst mit dem soge­nannten Öster­reich-Modell“, welches zum 01. April einge­führt wurde. Tankstellenbetreiber*innen dürfen seitdem nur noch einmal am Tag, um 12 Uhr mittags, die Sprit­preise erhöhen, senken dürfen sie die Preise beliebig oft. Was Expert*innen bereits im Vorfeld befürchtet hatten, scheint sich nun zu bestä­tigen. So kommt der Auto­mo­bil­club ADAC in einer Analyse zu dem Schluss, dass das Öster­reich-Modell“ das Preis­ni­veau an deut­schen Tank­stellen erhöht hat, anstatt dieses zu senken.

Neue Entlas­tungen der Regie­rung

Nun hat die Bundes­re­gie­rung ein zweites Entlas­tungs­paket beschlossen, welches zum 01. Mai in Kraft treten soll. Teil des Pakets ist ein Tankra­batt in Form einer Mine­ral­öl­steu­er­sen­kung um 17 Cent pro Liter. Außerdem wird Arbeitgeber*innen ermög­licht, eine Entlas­tungs­prämie“ in Höhe von 1.000 Euro zu zahlen. Bundes­kanzler Fried­rich Merz betonte, dass diese Schritte sehr schnell die Lage für die Auto­fahrer und für die Betriebe im Land verbes­sern“ werden.

Diese Maßnahmen gerieten aber schon kurz nach ihrer Bekannt­ma­chung in starke Kritik. So nennt der Präsi­dent des Deut­schen Insti­tuts für Wirt­schafts­for­schung (DIW), Marcel Fratz­scher, die Maßnahme Klien­tel­po­litik“ für Besser­ver­diener und Auto­fahrer“. Eine Unter­su­chung des Leibniz-Insti­tuts für Wirt­schafts­for­schung zeigte, dass der Tankra­batt 2022 von den Mine­ral­öl­kon­zernen nicht voll­ständig an die Verbraucher*innen weiter­ge­geben wurde. Seine Wirkung ließ zudem schnell nach. Ähnli­ches wird auch für den aktu­ellen Tankra­batt erwartet. Auch Merz‘ Argu­ment, dass der Tankra­batt die Lage für Autofahrer*innen schnell verbes­sern würde, stößt auf Kritik. Nach Angaben des Wirt­schafts­ver­bands Fuels und Energie befinden sich zum Stichtag 1. Mai 2026 noch unter­schied­lich große Mengen regulär versteu­erten Benzins und Diesels in den Tanks der Tank­stellen. Eine sofor­tige Weiter­gabe der Steu­er­sen­kung an die Verbraucher*innen sei daher nicht möglich.

DIW-Präsi­dent Marcel Fratz­scher kriti­siert auch die 1.000 €-Entlas­tungs­prämie. Diese soll von Unter­nehmen an ihre Mitarbeiter*innen ausge­zahlt werden. Von der Prämie direkt ausge­schlossen werden Rentner*innen, Studie­rende oder Arbeits­lose, welche Sozi­al­leis­tungen beziehen. Vor allem aber basiert die Prämie auf der Frei­wil­lig­keit der Unter­nehmen, diese auch zu zahlen. Auch wird nicht berück­sich­tigt, dass viele kleine Unter­nehmen in Deutsch­land seit einiger Zeit mit einem Rück­gang an Aufträgen und damit an Gewinnen zu kämpfen haben. Damit haben viele klein- und mittel­stän­di­sche Unter­nehmen in Deutsch­land gar nicht die finan­zi­ellen Möglich­keiten, diese Prämie auszu­zahlen. Laut Vorständin des Bundes­ver­bandes der Verbrau­cher­zen­trale, Ramona Pop, gäbe es aber durchaus Instru­mente, mit denen man die ökono­mi­schen Auswir­kungen des Iran-Krieges auf die Unter- und Mittel­schicht abfe­dern könnte. Pop fordert dazu eine Direkt­zah­lung an die Bürger*innen je nach Einkommen. Die DGB-Vorsit­zende Yasmin Fahimi schlägt in diesem Zusam­men­hang außerdem vor, die Mehr­wert­steuer auf Lebens­mittel zu senken. Da die Preise für Lebens­mittel in den vergan­genen fünf Jahren um rund 35 Prozent gestiegen sind, könnte dies große Teile der Bevöl­ke­rung deut­lich entlasten.

Die Frage der Finan­zie­rung

Um diese Entlas­tungen zu finan­zieren, wird in den Medien immer wieder darüber disku­tiert die Profi­teure der Krisen höhere Steuern zahlen zu lassen. Dazu gehört die Lebens­mit­tel­in­dus­trie, aber auch die Mine­ral­öl­in­dus­trie. In diesem Zusam­men­hang wird immer wieder der Begriff Über­ge­winn­steuer erwähnt. Auch Finanz­mi­nister Lars Kling­beil (SPD) unter­stützt diese Steuer. Ziel einer Über­ge­winn­steuer ist es, krisen­be­dingte Zusatz­ge­winne großer Unter­nehmen teil­weise abzu­schöpfen und zur Entlas­tung der Bevöl­ke­rung oder zur Finan­zie­rung staat­li­cher Maßnahmen zu verwenden. Green­peace spricht in einer von ihnen in Auftrag gege­benen Studie davon, dass Mine­ral­öl­kon­zerne in Deutsch­land täglich 21 Millionen Euro an Über­ge­winnen erwirt­schaften. Was die Studie zeigt, ist, dass die Preise an den Tank­stellen deut­lich stärker gestiegen sind, als es die realen Ölpreise sind. Green­peace-Verkehrs­expertin Lena Donat sagt dazu: Im Iran sterben Menschen, in Europa ächzen Millionen unter massiv gestie­genen Preisen, und die Ölkon­zerne stopfen sich an der Tank­stelle die Taschen voll – das ist wider­lich und muss sofort gestoppt werden.“

Die Grenzen einer Über­ge­winn­steuer

Was zunächst nach einer guten Idee klingt, erweist sich in der Praxis oft als kompli­ziert und schwer umzu­setzen. Beson­ders proble­ma­tisch erscheint ein solcher Ansatz vor dem Hinter­grund, dass Unter­nehmen auch ohne Krisen bereits hohe Gewinne erzielen, die an einzelne Anteilseigner*innen ausge­schüttet werden. Statt­dessen wird in der wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Diskus­sion teil­weise eine stär­kere gene­relle Besteue­rung großer Unter­neh­mens­ge­winne vorge­schlagen. Über­ge­winn­steuern gelten aufgrund ihrer schwie­rigen Abgren­zung als nur begrenzt einnah­me­stark. Zu einem ähnli­chen Ergebnis kommt auch eine aktu­elle Studie des ZEW Mann­heim, die Über­ge­winn­steuern als Krisen­in­stru­ment nur bedingt geeignet bewertet und auf hinter den Erwar­tungen zurück­blei­bende Einnahmen hinweist.

Kurz­fris­tige Entlas­tung statt struk­tu­reller Reformen

Die kriti­sche Ausein­an­der­set­zung mit Tankra­batt und Entlas­tungs­prämie verweist auf ein grund­le­gendes Problem staat­li­cher Krisen­po­litik. Statt struk­tu­relle Ursa­chen wirt­schaft­li­cher Krisen in den Blick zu nehmen, konzen­trieren sich viele Maßnahmen auf kurz­fris­tige Entlas­tungen. Kritiker*innen bemän­geln, dass dadurch vor allem Symptome abge­fe­dert werden, während zentrale Vertei­lungs­fragen unge­löst bleiben. Beson­ders betroffen bleiben weiterhin Haus­halte mit nied­rigen und mitt­leren Einkommen, die durch die Krisen der vergan­genen Jahre bereits stark belastet wurden.

Der Artikel ist im Rahmen der offenen Redaktion entstanden. Bei Fragen, Anregungen, Kritik und wenn ihr selbst mitmachen mögt, schreibt uns eine Mail an redaktion@jugendpresse.de 

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