Eine schwächelnde Weltwirtschaft und steigende Spritpreise infolge des US-Angriffs auf den Iran belasten Verbraucher*innen und Unternehmen spürbar. Die Bundesregierung reagiert mit Tankrabatt und Entlastungsprämie. Expert*innen zweifeln aber an der Wirkung dieser Maßnahmen. Welche Instrumente helfen wirklich, und wer soll die Kosten der Krise tragen?
Der von den USA angeführte Angriffskrieg gegen den Iran trifft die Weltwirtschaft hart, auch Deutschland bleibt dabei von den Folgen nicht verschont.
Seit Beginn der amerikanisch-israelischen Angriffe sind die Preise an deutschen Tankstellen stark gestiegen. Besonders deutlich zeigt sich das bei den Dieselpreisen: Innerhalb eines Monats stiegen die Dieselpreise von 1,83 € auf 2,46 € pro Liter. Bei Benzin war die Entwicklung ähnlich.
Auf diesen Preisschock reagierte die Bundesregierung zunächst mit dem sogenannten „Österreich-Modell“, welches zum 01. April eingeführt wurde. Tankstellenbetreiber*innen dürfen seitdem nur noch einmal am Tag, um 12 Uhr mittags, die Spritpreise erhöhen, senken dürfen sie die Preise beliebig oft. Was Expert*innen bereits im Vorfeld befürchtet hatten, scheint sich nun zu bestätigen. So kommt der Automobilclub ADAC in einer Analyse zu dem Schluss, dass das „Österreich-Modell“ das Preisniveau an deutschen Tankstellen erhöht hat, anstatt dieses zu senken.
Neue Entlastungen der Regierung
Nun hat die Bundesregierung ein zweites Entlastungspaket beschlossen, welches zum 01. Mai in Kraft treten soll. Teil des Pakets ist ein Tankrabatt in Form einer Mineralölsteuersenkung um 17 Cent pro Liter. Außerdem wird Arbeitgeber*innen ermöglicht, eine „Entlastungsprämie“ in Höhe von 1.000 Euro zu zahlen. Bundeskanzler Friedrich Merz betonte, dass diese Schritte „sehr schnell die Lage für die Autofahrer und für die Betriebe im Land verbessern“ werden.
Diese Maßnahmen gerieten aber schon kurz nach ihrer Bekanntmachung in starke Kritik. So nennt der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, die Maßnahme „Klientelpolitik“ für „Besserverdiener und Autofahrer“. Eine Untersuchung des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung zeigte, dass der Tankrabatt 2022 von den Mineralölkonzernen nicht vollständig an die Verbraucher*innen weitergegeben wurde. Seine Wirkung ließ zudem schnell nach. Ähnliches wird auch für den aktuellen Tankrabatt erwartet. Auch Merz‘ Argument, dass der Tankrabatt die Lage für Autofahrer*innen schnell verbessern würde, stößt auf Kritik. Nach Angaben des Wirtschaftsverbands Fuels und Energie befinden sich zum Stichtag 1. Mai 2026 noch unterschiedlich große Mengen regulär versteuerten Benzins und Diesels in den Tanks der Tankstellen. Eine sofortige Weitergabe der Steuersenkung an die Verbraucher*innen sei daher nicht möglich.
DIW-Präsident Marcel Fratzscher kritisiert auch die 1.000 €-Entlastungsprämie. Diese soll von Unternehmen an ihre Mitarbeiter*innen ausgezahlt werden. Von der Prämie direkt ausgeschlossen werden Rentner*innen, Studierende oder Arbeitslose, welche Sozialleistungen beziehen. Vor allem aber basiert die Prämie auf der Freiwilligkeit der Unternehmen, diese auch zu zahlen. Auch wird nicht berücksichtigt, dass viele kleine Unternehmen in Deutschland seit einiger Zeit mit einem Rückgang an Aufträgen und damit an Gewinnen zu kämpfen haben. Damit haben viele klein- und mittelständische Unternehmen in Deutschland gar nicht die finanziellen Möglichkeiten, diese Prämie auszuzahlen. Laut Vorständin des Bundesverbandes der Verbraucherzentrale, Ramona Pop, gäbe es aber durchaus Instrumente, mit denen man die ökonomischen Auswirkungen des Iran-Krieges auf die Unter- und Mittelschicht abfedern könnte. Pop fordert dazu eine Direktzahlung an die Bürger*innen je nach Einkommen. Die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi schlägt in diesem Zusammenhang außerdem vor, die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel zu senken. Da die Preise für Lebensmittel in den vergangenen fünf Jahren um rund 35 Prozent gestiegen sind, könnte dies große Teile der Bevölkerung deutlich entlasten.
Die Frage der Finanzierung
Um diese Entlastungen zu finanzieren, wird in den Medien immer wieder darüber diskutiert die Profiteure der Krisen höhere Steuern zahlen zu lassen. Dazu gehört die Lebensmittelindustrie, aber auch die Mineralölindustrie. In diesem Zusammenhang wird immer wieder der Begriff Übergewinnsteuer erwähnt. Auch Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) unterstützt diese Steuer. Ziel einer Übergewinnsteuer ist es, krisenbedingte Zusatzgewinne großer Unternehmen teilweise abzuschöpfen und zur Entlastung der Bevölkerung oder zur Finanzierung staatlicher Maßnahmen zu verwenden. Greenpeace spricht in einer von ihnen in Auftrag gegebenen Studie davon, dass Mineralölkonzerne in Deutschland täglich 21 Millionen Euro an Übergewinnen erwirtschaften. Was die Studie zeigt, ist, dass die Preise an den Tankstellen deutlich stärker gestiegen sind, als es die realen Ölpreise sind. Greenpeace-Verkehrsexpertin Lena Donat sagt dazu: „Im Iran sterben Menschen, in Europa ächzen Millionen unter massiv gestiegenen Preisen, und die Ölkonzerne stopfen sich an der Tankstelle die Taschen voll – das ist widerlich und muss sofort gestoppt werden.“
Die Grenzen einer Übergewinnsteuer
Was zunächst nach einer guten Idee klingt, erweist sich in der Praxis oft als kompliziert und schwer umzusetzen. Besonders problematisch erscheint ein solcher Ansatz vor dem Hintergrund, dass Unternehmen auch ohne Krisen bereits hohe Gewinne erzielen, die an einzelne Anteilseigner*innen ausgeschüttet werden. Stattdessen wird in der wirtschaftswissenschaftlichen Diskussion teilweise eine stärkere generelle Besteuerung großer Unternehmensgewinne vorgeschlagen. Übergewinnsteuern gelten aufgrund ihrer schwierigen Abgrenzung als nur begrenzt einnahmestark. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch eine aktuelle Studie des ZEW Mannheim, die Übergewinnsteuern als Kriseninstrument nur bedingt geeignet bewertet und auf hinter den Erwartungen zurückbleibende Einnahmen hinweist.
Kurzfristige Entlastung statt struktureller Reformen
Die kritische Auseinandersetzung mit Tankrabatt und Entlastungsprämie verweist auf ein grundlegendes Problem staatlicher Krisenpolitik. Statt strukturelle Ursachen wirtschaftlicher Krisen in den Blick zu nehmen, konzentrieren sich viele Maßnahmen auf kurzfristige Entlastungen. Kritiker*innen bemängeln, dass dadurch vor allem Symptome abgefedert werden, während zentrale Verteilungsfragen ungelöst bleiben. Besonders betroffen bleiben weiterhin Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen, die durch die Krisen der vergangenen Jahre bereits stark belastet wurden.
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